Kants Grab am Königsberger Dom. Foto: I.S.

Kant wird weiter für den „ewigen Frieden“ wirken

Immanuel Kants Geist wird weiterhin die Welt zu seinem Grab führen, so wie zu seinen Lebzeiten Besucher aus aller Welt den großen Königsberger in seiner Vaterstadt sehen und sprechen wollten. Er wird weiterhin für den „ewigen Frieden“ wirken.

Es ist über dreißig Jahre her, dass die früheren Bewohner Königsbergs in ihre alte Heimat reisen durften, die bis dahin als militärisches Sperrgebiet über vierzig Jahre unerreichbar war. Sie kamen ab 1991 in eine russisch-sowjetische Stadt und suchten deutsche Spuren.  Und dann standen sie vor dem Grabmal Immanuel Kants (1724-1804) an der Domruine und legten Blumen und Kränze nieder – so wie die russischen Hochzeitspaare, die ihren Brautstrauß zum Grabmal des großen Königsberger Philosophen brachten.

Die Geschichte hatte ein Machtwort gesprochen. Aus welchem Grunde auch immer war das Grabmal des Weltweisen, der neben Sokrates und Lao-Tse gestellt wird, im Feuersturm 1944 erhalten geblieben. Doch drohte ihm auch später noch die Zerstörung. Leonid Breschnew wollte die Domruine sprengen, die nicht zu den neuen Plattenbauten Kaliningrads passte. Aber russische Intellektuelle und Kulturschaffende protestierten, verwiesen auf das Grab Kants.

Der Dom wurde das erste deutsch-russische Restaurierungswerk in der Kaliningrader Oblast nach 1945. Fortan arbeiteten Russen und Deutsche im Sinne Kants Hand in Hand, dem Kategorischen Imperativ folgend und, wie es schien, auf dem Weg „Zum ewigen Frieden“. So heißt Kants Schrift aus dem Jahr 1795, die wir alle so gerne als „Bibel“, als Grundlage politischer Entscheidungen hätten.

Und nun begeht die ganze Welt Kants 300. Geburtstag am 22. April 2024. Doch vor dem April kommt der Februar, und da denkt die Welt an den 220. Todestag des Philosophen. Die Größe und der Ruhm des Königsbergers wurden an dem Abschied deutlich, den die Vaterstadt ihrem bedeutenden Sohn bereitete. Eine genaue Schilderung verdanken wir seinem Freund und Nachlassverwalter Reinhold Bernhard Jachmann.

Am 12. Februar 1804 verschied Kant um 11.00 Uhr vormittags. Die Nachricht verbreitete sich in der ganzen Stadt. Sogleich strömten die Königsberger aller Stände herbei, um den im Hause aufgebahrten Leichnam zu sehen. Es sei eine Wallfahrt gewesen. Die Kälte des ostpreußischen Winters führte zu einer Verzögerung der Beisetzung bis zum 28. Februar.

„…Ein solches Leichenbegängnis, bei welchem die deutlichsten Spuren allgemeiner Hochachtung, feierlicher Pomp und Geschmack sich vereinigten, sahen Königsbergs Einwohner nie“, schreibt Jachmann. „Am 28. Februar, um 2 Uhr nachmittags, versammelten sich alle hohen Standespersonen…in der hiesigen Schlosskirche, um die sterbliche Hülle Kants zu ihrem Grabe zu begleiten. Die… akademische Jugend holte das Ehrengefolge aus der Schlosskirche ab. Als diese sich dem Trauerhause näherten, wurde die Leiche unter dem Geläute aller Glocken der Stadt empfangen.“ Tausende begleiteten den Trauerzug in den Dom, wo einige hundert Wachskerzen leuchteten. „Ein Katafalk, mit schwarzem Tuche beschlagen, machte einen imposanten Eindruck… Nach beendigter Feierlichkeit wurde Kants entseelte Hülle in der akademischen Totengruft beerdigt.“

Das Grabmal an der Nordseite des Domes mit der Stoa Kantiana wurde 1924 gestaltet und bewirkte nach der Apokalypse 1944/45 die Rekultivierung der Dominsel.

Heute führen die russischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kant-Museums im Dom ihre Gäste zu Kants Totenmaske und zitieren andächtig seine letzten Worte, die uns sein Betreuer und Biograph Andreas Wasianski überliefert hat: „Es ist gut.“ Kant ist in Königsberg geblieben. Ein weitblickendes Geschick hat seine Vertreibung verhindert und in seiner Vaterstadt Russen und Deutsche verbunden. Sein Geist wird weiterhin die Welt zu seinem Grab führen, so wie zu seinen Lebzeiten Besucher aus aller Welt den großen Königsberger in seiner Vaterstadt sehen und sprechen wollten. Er wird weiterhin für den „ewigen Frieden“ wirken.

Bärbel Beutner