Fassade mit „Zipfelmütze“ in der Uliza Gorgogo (ehem. Samitter Allee) in Kaliningrad. Foto: Autor

Königsberger Wanderung

Unser Autor Jörn Pekrul, entdeckt auf seinen Wanderungen durch Kaliningrad Vergangenheit und Gegenwart. Seine Berichte über die Spuren Königsbergs in der heutigen Stadt, finden bei unseren Leserinnen und Lesern großen Zuspruch.  Wir wollen ihn nun auf seiner 38. Wanderung begleiten.

BESUCH EINER FREUNDIN

Teil 38 der „Königsberger Wanderung“. Fortsetzung von KE 11-12/2020, 1-12/2021, 1-12/2022  und 1-11/2023

Für die letzte Wanderung in diesem Jahr wollen wir die bisher erworbene Kondition nutzen und von der Hans-Sagan-Straße (ul. Narwskaja) nach rechts einbiegen auf die ul. Gajdara (etwa auf dieser Höhe befand sich früher der Nadrauer Weg), um dann gleich am Kreisverkehr wieder nach rechts auf die Samitter Allee (ul. Gorkogo) einzubiegen. Diese Straße führt direkt in die Innenstadt; in diesem Falle bis zum Haus der Technik.

Auf der Samitter Allee bekommt man eine starke Ahnung von den Zerstörungen, die diese Stadt erlitten hat. Es gibt nur wenige Altbauten aus der deutschen Geschichte. Die Nachkriegszeit blieb jedoch verhalten in der Bebauung, denn die Wohngebäude entlang der Straße sind angenehm schlicht. Lediglich in der Nähe der Brücke, die die Bahnlinien nach Cranz (Selenogradsk) und Labiau (Polessk) überquert, stehen zwei Wohntürme, deren Architektur unverkennbar die sowjetische Handschrift zeigt. Sie haben durchaus einen gewissen Reiz.

Die Samitter Allee beherbergte früher den Mittelstand. Beginnen wir mit einem Gebäude, das früher die Haus-Nr. 45 a/b hatte. Die Chronik verzeichnet es als „Bendzullasche’s Heim“ für psychopathische Kinder und später als Städtisches Frauenkrankenhaus, in dem vor allem Prostituierte behandelt wurden. Die städtischen Krankenanstalten erfreuten sich dank hervorragend ausgebildeten Personals stets des besten Rufes.

Es folgt eine Sportanlage, die 1913 entstand. Die Universitätsstadt Königsberg hatte zwar mit der 1898 erbauten Palästra Albertina von Friedrich Heitmann (KE 11/2020) ein vortreffliches Sportzentrum mit Turnsaal, Hallenbad, Kegelbahn und Fechtsälen, um das sie von anderen Städten beneidet wurde. Doch diese Anstalt war noch innerhalb der Stadt.  Der akademische Sport strebte ins Freie und schuf sich hier 1913 einen neuen Palästra-Sportplatz, der später in Dr.-Friedrich-Lange-Platz umbenannt wurde.

Wir gehen wieder nach Norden und sehen, am Beginn der Brücke, auf beiden Seiten kleine Mehrfamilienwohnhäuser aus den späten 1920er Jahren. Die Straße rechts führte als Arno-Holz-Straße (ul. Perwomajskaja) zu der Stelle, an der früher der Bahnhof Maraunenhof stand und dessen anderes Ende wir bereits im letzten Juli sahen (KE 07/2023). Das Eckhaus zur Samitter Allee beherbergte früher einen Lebensmittelladen, und es lebten hier ein Schrankenwärter, ein Sattlermeister, eine Hebamme, ein Restaurateur, ein Handelsvertreter und ein Arbeiter – ein kleiner Eindruck von den Berufen, die hier zu Hause waren. Die Brücke selbst wurde im Krieg zerstört und ohne den schwungvollen Bogen, den sie um 1930 erhalten hatte, wieder aufgebaut. Man hat von hier einen schönen Blick in beide Richtungen.

Zur linken steht ein Backsteingebäude in der typischen Architektur preußischer Schulen am Ende des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich um die ehemalige Ottokar-Volksschule für Jungen, und wie wir auf diesem Klassenbild aus dem Bildarchiv Ostpreußen sehen können, müssen sich die Lorbaßchens mit der Lehrerin Fräulein Wermling recht wohl gefühlt haben. Der rückwärtige Eingang sieht heute noch sehr behaglich aus mit seinem gepflegten Vordergarten. Gegenüber hatte der Bäckermeister Leopold Tunnat sein Geschäft, und wir dürfen annehmen, dass die Königsberger Jungens hier manch schmackhafte Wegzehrung für die Strecke nach Hause bekommen haben.

Heute ist nichts mehr davon erhalten, doch schauen Sie einmal auf das erhaltene Nachbargebäude. Die Fassade grüßt mit altdeutschen Motiven früherer Königsberger, die aus dem Fenster schauen. Und bei dem Herrn rechts ist sie wieder zu sehen: die obligate deutsche Zipfelmütze (KE 04/2023). Dem deutschen Leser mögen darob die Haare zu Berge stehen, während sich der russische Leser vielleicht amüsiert. Lachen befreit. Und es wirkt anziehend. Gegenüber ist eine Wohnanlage von 1928. Sie ist drei- und viergeschossig mit hervortretenden Gesimsbändern und vertikalen Treppenhausfenstern.

Und hier kommt uns, von der guten Stimmung ermuntert, eine bekannte Freundin entgegen. Wir lernten sie bereits als betagte Dame im Kaliningrader Zoo kennen, weil sie uns alle zum Singen brachte: Dorelise, die das Denkmal des Walthers von der Vogelweide besuchte; Platz ihrer Kindheit und 1930 geschaffen von ihrem Vater Georg Fuhg für den Königsberger Tiergarten. Heute erleben wir sie in ihren Erinnerungen als kleines Mädchen, denn in dieser Wohnanlage lebte die Familie Fuhg, bevor sie Mitte der 1930er Jahre in die Steffeckstraße nördlich von Friedrichswalde zog.

„Ich erinnere mich bei dieser Wohnanlage noch an die schweren Arbeitspferde, wenn Fässer oder Kohlen angeliefert wurden. Wenn sie auf den Hof kamen, erschienen sie mir so übernatürlich groß und voller Kraft, das ich weglaufen wollte. Der Kutscher bemerkte es und rief mir in seinem breiten Königsberger Platt zu: „Nu lauf man nich weg, die sind ganz lieb.“ Er führte mich zu den Pferden, die tatsächlich brav und zutraulich waren und sich über einen Apfel freuten“.

Heute ist das längst vergangen; es gibt Zentralheizung und eine gute Nahversorgung. Was geblieben ist, ist die Verbundenheit zu unser aller Stadt. Der Autor telefonierte für diesen Artikel mit der heute 94-jährigen Dorelise, und gemeinsam möchten wir Ihnen in Verbundenheit sagen: „Wir beide wünschen Ihnen, unsere geschätzten Leserinnen und Leser, ein frohes Weihnachtsfest und uns allen ein gesundes, friedvolles und hoffnungsvolles neues Jahr!“ Für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre treue Lektüre bedankt sich mit herzlichen Grüßen Ihr

Jörn Pekrul