Städtebau
08. 11. 2019
„Ein Kulturobjekt mit neuem Leben füllen“
Dr. Jewgenij Maslow, Leiter der Staatlichen Kulturerbe- und Denkmalschutzbehörde im Gebiet Kaliningrad, im Gespräch mit KE-Korrespondentin Alexandra Jelitte.

Dr. Jewgenij Maslow, Leiter der Staatlichen Kulturerbe- und Denkmalschutzbehörde im Gebiet Kaliningrad. Foto: Aleksej Milowanow, Newkaliningrad.ru
A.J.: Das Kaliningrader Gebiet zeichnet sich durch eine ganze Fülle von historischen und Kulturdenkmälern aus. Worauf richten Sie Ihr Augenmerk?

J.M.: Auf Sakralbauten, Kirchen, Baudenkmäler aus der Ordenszeit, Forts, Bastionen, Türme, Stadttore usw. Desgleichen auf zivile Bauten wie Verwaltungsgebäude, Schulen sowie Kranken- und Wohnhäuser. Wir haben hier eine reiche Sammlung an archäologischen Funden und eindrucksvolle Werke der Bildhauerkunst – letztere nicht nur aus der Vorkriegszeit, sondern auch aus dem sowjetischen und postsowjetischen Abschnitt unserer Geschichte. Und eine Vielzahl von Objekten der militärischen Erinnerungskultur: Soldatengräber, historische Schlachtfelder und Gedenksteine – vom Siebenjährigen Krieg über die Epoche Napoleons bis hin zum Ersten und Zweiten Weltkrieg. Es gibt Artefakte der Technik und Wissenschaft sowie der Garten- und Landschaftsarchitektur. Nicht zu vergessen sind natürlich Zeitzeugnisse aus der Geschichte der Schifffahrt: vier Schiffe und ein U-Boot, die den Kernbestand unseres Meeresmuseums bilden. All dies steht laut Artikel 44 der russischen Verfassung unter staatlichem Schutz und darf ohne Genehmigung nicht verändert werden.

A.J.: Das Gebiet ist ja ein besonderes: Es hieß früher Ostpreußen mit der Hauptstadt Königsberg. Jede größere Restaurierung setzt hier eine politische Entscheidung voraus. Nehmen wir zum Beispiel das Königsschloss. Welche Pläne gibt es dazu heute?

J.M.: Das Gelände ist umzäunt und in Ordnung gebracht worden. Die Umrisse des einstigen Schlossfundamentes wurden markiert. Das ist ein wichtiger Schritt zur Schaffung eines Freilichtmuseums. Es ist heute unumstritten, dass ein Wiederaufbau des Schlosses finanziell untragbar ist. Wir würden dazu Gelder in Höhe unseres Gebietshaushaltes benötigen. Aber auch dann würden wir als Ergebnis des Riesenaufwandes nur einen Nachbau des Originalbauwerkes erhalten. Mir liegt eine solche Lösung nicht, ganz zu schweigen vom Problem, wie wir dann die inneren Räume eines solchen Nachbaus gestalten und mit Exponaten und sonstigen Einrichtungsgegenständen füllen sollten.

A.J.: Das Rätehaus nebenan wird man ja auch mit etwas füllen müssen. Es ist ebenso ein Baudenkmal im konstruktivistischen Baustil und man plant es allem Anschein nach zu neuem Leben zu erwecken.

J.M.: Dass es endlich soweit ist, ich meine, dass das Gebäude nun ins regionale Eigentum übergeben wurde, ist zweifelsohne den Bemühungen der Gebietsspitze zu verdanken. Der Gouverneur sagt, dass dort die Organe auf Stadt- und Gebietsebene einziehen sollen, die derzeit über die gesamte Stadt verteilt sind. Das Rätehaus wird jetzt gründlich untersucht, man ist dabei, ein Konzept zur weiteren Nutzung zu erstellen. Wichtig ist, dass man heute kein größeres Bauvorhaben im Gebiet ohne Prüfung durch unseren Gouverneur abwickeln darf im Unterschied zu früheren Zeiten, als in der Stadt zahlreiche Supermärkte und Wohnblocks ohne jegliche Abstimmung und Rücksichtnahme auf die Besonderheiten der jeweiligen Gegend aus dem Boden gestampft wurden. Das Gleiche gilt auch für Bauten aus der neueren Zeit, die man versucht hat, pseudohistorisch zu stilisieren.

A.J.: Es gibt aber symbolträchtige Bauten aus deutscher Zeit, die man erfolgreich wiederaufgebaut hat. Nehmen wir zum Beispiel den Dom, der zu Recht ein Anziehungspunkt für die Kaliningrader Bürger und Gäste der Stadt ist.

J.M.: Wichtig ist, ein Kulturobjekt mit neuem Leben zu füllen. Das hat man bei mehreren Festungsanlagen erfolgreich umgesetzt. Sie beherbergen jetzt hochinteressante Ausstellungen. Oder nehmen wir zum Beispiel die Königsberger Börse, die wie der Dom durch britische Luftangriffe auf Königsberg schwer beschädigt wurde. Sie wurde nach dem Krieg relativ gut wiederaufgebaut und erlebt heute, da sie zum Museum der Bildenden Künste umfunktioniert wird, eine neue Rekonstruktionsphase. Ende dieses Jahres soll ein Vertrag über die Erstellung von Bauunterlagen zur Anpassung dieses alten Gebäudes an seine neue Nutzung als Museum unterzeichnet werden. Die Fassade wird erneuert, das Innere des Gebäudes soll in einzelne Bereiche unterteilt und die technische Ausstattung modernisiert werden. Es existiert der Wunsch, auf dem Dach des Museums historische, im Stil des Akademismus erschaffene Statuen wieder aufzustellen. Diese haben einst die verschiedenen Kontinente symbolisiert. Leider fehlen uns dazu authentische Bilder oder Fotografien. Vielleicht hilft uns jetzt Ihre Zeitung, diese zu finden.

A.J.: Wie steht es um Objekte, die in die Verwaltung der Russisch-Orthodoxen Kirche übergeben wurden?

J.M.: Unser Gebiet war bis vor kurzem unter allen russischen Regionen das wohl am wenigsten religiöse. Die erste orthodoxe Gemeinde wurde hier erst 1985 offiziell eingetragen, ihr wurde die Ruine der 1280 errichteten Judittenkirche übergeben. Seitdem ist es die Aufgabe der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK), alte deutsche Gotteshäuser, katholische wie evangelische, wiederaufzubauen. Anfangs zweifelten einige Gemeindemitglieder, ob sie ihrem russisch-orthodoxen Glauben in fremden Gotteshäusern nachgehen könnten. Diese wurden jedoch nach und nach wiederaufgebaut und so kam es, dass die strenge Gotik dieser Kirchen unseren Gläubigen immer vertrauter wurde. 2010 wurden der ROK weitere 150 Objekte übergeben. Es waren so viele, dass man mit dem Bau- und Sanierungsaufwand überfordert war. Aus eigener Kraft war und ist das nicht mehr zu schaffen. Finanzielle Unterstützung ist dringend notwendig. Erfolgt diese, wie beispielsweise beim Wiederaufbau der ehemaligen Bischofsresidenz Georgenburg, so erwacht nicht nur ein kulturhistorisches Baudenkmal zu neuem Leben, sondern es behält auch seine ursprüngliche Zweckbestimmung. Nach dem Wiederaufbau soll im Schloss Georgenburg der Bischof von Tschernjachowsk und Slawsk (ehem. Insterburg und Heinrichswalde) seinen Sitz haben. Und es ist bei weitem nicht das einzige Beispiel dieser Art.

A.J.: Vielen Dank für das Gespräch.


Alexandra Jelitte, Berlin




Devisenkurse: 08. 11. 2019
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Quelle:Russ. Zentralbank