Maritimes
09. 10. 2019
Aus Liebe zur „Krusenstern“
Christine Hieber ist Deutsche und trotzdem festes Besatzungsmitglied an Bord der russischen Bark „Krusenstern“. Um des Jobs auf dem legendären Segelschiff willen siedelte sie vor Jahren nach Russland über.

Das legendäre Forschungsschiff „Krusenstern“ wurde für Christine Hieber zu ihrem zweiten Zuhause. Foto: I.S.



Die gebürtige Münchnerin wuchs in Südbayern auf. Von Kindesbeinen an träumte sie von Seereisen, studierte dann Verkehrslogistik und begann, bei einer Reederei zu arbeiten. Von der Gelegenheit, den Segler „Krusenstern“ einmal im Rahmen eines Touristenausflugs zu besichtigen, war sie begeistert, weil sie zuvor viel von diesem letzten noch fahrtüchtigen Windjammer gelesen und ihr Herz an ihn verloren hatte.

Im Jahr 2001 konnte sie drei Wochen an Bord der „Krusenstern“ verbringen. Sie freundete sich mit der Besatzung des Seglers an und wurde eingeladen, dessen Heimathafen Kaliningrad zu besuchen. Auch die Stadt gefiel ihr. Als sie dann ein zweites Mal nach Kaliningrad reiste, dachte sie bei sich: Warum denn nicht hierbleiben und sich um eine Anstellung bei der Baltischen Seefahrtsakademie oder gar an Bord der „Krusenstern“ bewerben?

Es war ihr schon früher aufgefallen, dass es den Besatzungsmitgliedern der „Krusenstern“ akut an Englischkenntnissen mangelte. Dabei gibt es international gültige Bestimmungen, nach denen das Beherrschen dieser Sprache auf einem entsprechenden Niveau ein Muss ist. Christine beschloss deshalb, sich an Bord der „Krusenstern“ als Englischlehrerin zu versuchen. Nach Deutschland zurückgekehrt ließ sie sich als Diplom-Sprachlehrerin ausbilden und machte sich danach wieder auf den Weg nach Kaliningrad, um ihren Traum zu verwirklichen.

Die Planstelle „Englisch für Seeleute“ war zu jener Zeit in der Seefahrtsakademie tatsächlich unbesetzt. Christine bestand ein Vorstellungsgespräch und trat ihren neuen Job sofort an. Das Thema ihrer ersten Unterrichtsstunde mit Studenten des vierten Studienjahres an der Fakultät für Verkehrswesen hieß „Reklamationen“. Das kam ihr sehr gelegen, weil das Schlichten von Streitfällen und Bearbeiten von Reklamationen früher Christines Job bei einer Reederei gewesen war.

Es wurde ihr jedoch bald klar, dass sie neben dem Englischen auch das Russische beherrschen sollte. Sie kannte zwar Latein, sprach Schwedisch, Norwegisch und Französisch, ahnte jedoch nicht, wie schwer ihr Russisch mit seiner abweichenden Schrift und dem besonderen semantischen Aufbau fallen würde.

Doch sie schaffte es, legte zwei Jahre später alle notwendigen Prüfungen in den entsprechenden Seefächern auf Russisch ab und bekam die begehrte Anstellung auf der „Krusenstern“. Seitdem ist sie bei allen Seereisen an Bord des Seglers.

Mit 22 Jahren war Christine mit ihrem Mann nach Hamburg gegangen, lebte dann in England und Schweden, hielt sich aber nirgendwo länger als sechs Jahre auf. In Russland aber lebt sie seit nunmehr zwölf Jahren! Sie behält ihren deutschen Pass und hat eine Aufenthaltsgenehmigung für Russland. Stünde sie aber vor der Wahl, Russland zu verlassen oder hierzubleiben, würde sie sich für Letzteres entscheiden, sagt sie. Hier ist jetzt ihr Zuhause und es heißt „Krusenstern“.

Lubawa Winokurowa Aus: „Moskauer Deutsche Zeitung“, Nr. 15 (502)




Devisenkurse: 09. 10. 2019
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Quelle:Russ. Zentralbank