Impressionen
09. 10. 2019
In der Straßenbahn mit Hannah Arendt
Dies ist die zweite Hälfte des Erfahrungsberichtes unseres Praktikanten Magnus Obermann, der im August 2019 für den KE tätig war. Im Teil 1 (KE Nr. 9/2019), ging es um die ersten Eindrücke des heutigen Kaliningrad. Dem folgt nun ein konkretes Anliegen.

Die Straßenbahn unterscheidet sich von anderen öffentlichen Verkehrsmitteln dadurch, dass sie einer Stadt eine eigenartige, fast nostalgische Atmosphäre zu verleihen vermag. Foto: Autor
Hannah Arendt, in Königsberg aufgewachsen, hat immer wieder scharfe Kritik an der politischen Philosophie ihrer Zeit geübt. In gewissen Kreisen Kaliningrads macht sie das bis heute zur persona non grata. Ihr Ziel war nämlich das politische Handeln – gestützt auf ein kritisches Denken und Urteilen. Dazu schreibt sie in ihrer Vita activa: „Das Denken ist möglich (…), wo immer Menschen unter den Bedingungen politischer Freiheit leben. Aber auch nur dort.“ Überwindet politische Freiheit die Lethargie und spornt zur Initiative an? Ist das – für uns heute – vielleicht der Rat einer Weltbürgerin an ihre Heimat?

Jede politische Aussage muss mit den Fakten beginnen und Argumenten enden, wenn sie ernsthaft überzeugen und gestalten will. Demokratische Politik bedeutet daher, zu kommunizieren, zu vermitteln und die Dinge abwägend anzupacken. Aber sie eben anzupacken. Die Freiheit dazu beruht in diesem Sinne auch bei Arendt immer auf der Macht des gemeinsamen, geradezu kommunikativen Handelns. Bei Habermas heißt das vielleicht anders. Aber praktisch ausgedrückt bedeutet es auch, zivilgesellschaftliches Engagement aufzubringen, sich Konformitäten nicht preiszugeben und, sozusagen, eine Debatte zu prägen.

Man mag sich für Kaliningrad, diese Brücke zwischen Deutschland und Russland, diesem beidseitigen Fenster zwischen der Europäischen Union und unserem wichtigsten Nachbarn, vieles wünschen. Mehr Jugendaustausch, mehr kleinen Grenzverkehr, mehr Sprachunterricht. Mehr Sichtbarkeit seiner mündigen Bürger.

Vor allem aber weniger Feindbilder, mehr informierte Debatte. Visionen dafür gibt es viele. Warum nicht die Einrichtung eines deutsch-russischen Friedensinstituts als schönen Traum? Und warum nicht gleich mit festem Sitz im neu erbauten Stadtschloss? Von nichts kommt nichts, dafür braucht es schon einen Anstoß.

Doch wünschte man sich manchmal auch, es würde zu Russland weniger einfach drauflos geplappert. Unnötig, hier die Bekümmernisse der Geschichte anzuführen. Aber einigen dürfte schon nicht mehr bewusst sein, dass Kaliningrad einst eine quasi vor der Außenwelt verschlossene Stadt war, während sich das – neuerdings sogar kostenlose – Visum heutzutage online beantragen lässt. Dicke Bretter bohren, nicht Reisig brechen, ist Politik. Und wer dächte nicht bei „Russland“ zuerst an „Putin“ oder „Krieg“? Ist das nicht auch ein Zeichen verstellter Kommunikation?

So verknüpft sich die Botschaft Kaliningrads mit dem Schicksal der deutsch-russischen Beziehungen. Man wünschte sich weniger Härte, mehr Mut zum Kompromiss. Wegzuschauen von allem, was stört, ist allerdings das Gegenteil einer Lösung. Die Augen offenzuhalten für alles, was passiert, schulden wir Europäer vielmehr nicht nur der Hoffnung in eine hehre Kantische Philosophie, sondern nicht zuletzt derjenigen zahlreicher Menschen in Russland.

Die Botschaft Kaliningrads ist hier aber noch eine andere. Sie besagt auf der einen Seite, niemals nachzulassen und motiviert zu bleiben. Sie besagt jedoch zugleich auf der anderen Seite, das zu schätzen, was gerade da ist. Dass es zwischen diesen Haltungen lauter quietscht als jede verrostete Weiche es könnte, ist klar. Doch das muss man aushalten können, denn so ist er eben, der Lebensschrei der deutsch-russischen Beziehungen – mal kreischend und mal jauchzend.

Dass die Straßenbahn heute statt durch die Straßen Königsbergs durch die Straßen Kaliningrads tuckert, ist deshalb aus zwei Gründen gut.

Zum einen taugt es nicht zur Glorifizierung. Niemand bräuchte ein neu errichtetes Disneyland, das doch nur zu historischer Selbstzufriedenheit und zivilgesellschaftlicher Bequemlichkeit einlüde.

Zum anderen kann es durch seine unwiederbringliche Abwesenheit zur unverbrauchten Grundlage für etwas Neues werden, wobei es trotzdem zu präsent ist, als dass man es ignorieren könnte. Selbst die grauenvolle Zerstörung Königsbergs, vor 75 Jahren, ist damit noch ein Geschenk der Geschichte. Denn dieses unperfekte Kaliningrad, wo viele Gefühle so nah beieinander liegen, ist genau der Ort, der es sein muss. Es darf seine Botschaft nicht verlieren, die ihm die vielen Menschen, die hier gelebt haben und hier gestorben sind, für die Zukunft mitgegeben haben.

Wir sind damit fast am Ende der Reise angelangt. Doch spätestens jetzt ist klar, dass der Pfad zwischen Königsberg und Kaliningrad nur stolpernd und strauchelnd ins Ziel führen kann. Es gibt keinen festen Weg mehr. Der alte löst sich langsam auf, und der neue bildet sich nur langsam im Geist aus. Genauso wie die Vision einer weltbürgerlichen Heimat.

Es sollte uns daher, sowohl in Kaliningrad/Königsberg als auch in den deutsch-russischen Beziehungen, schließlich weniger um die Vergänglichkeit der Architektur gehen, als vielmehr um den Geist, der ihr innewohnt. Denn ob die Botschaft des Ortes Kaliningrad es wert ist, (auch) in Zukunft mit klarer Stimme vertreten zu werden, hängt allein von unserer Entscheidung für sie ab. Kaliningrad bedeutet, dass wir miteinander klarkommen müssen – das ist kein nettes Gedankenspiel, sondern eine historische Notwendigkeit.

Magnus Obermann




Devisenkurse: 09. 10. 2019
1 EUR = 71,4500 Rbl
1 US$ = 65,1000 Rbl
Quelle:Russ. Zentralbank