Mensch und Natur
09. 10. 2019
Eine Sommer-Nachlese im Herbst
Ein Sommer ohne die Nehrung – dann fehlt der Seele ein Bild und ein Glück. Ein Ausflug auf die Nehrung gehörte immer dazu, und unvergessliche Erlebnisse sind damit verbunden.

Die Kurische Nehrung entzückt den Betrachter, lässt ihn ins Träumen verfallen und bleibt ihm sein Leben lang unvergesslich. Luftbild: I.S.
Bei meinem ersten Besuch auf der Nehrung in einem Frühjahr vor über 25 Jahren haben wir einen Elch gesehen. Ich schwöre bis heute, dass es ein Elch war – trotz der hämischen Kommentare angesichts der Fotos, dass es maximal ein Hase gewesen sein könne.

Oder der strömende Regen an einem Julimorgen – es goss! Mein Einwand, bei dem Wetter könne man doch nicht auf die Nehrung fahren, wurde von der russischen Reiseleiterin, die inzwischen eine langjährige Freundin geworden war, beiseitegefegt. „Natürlich fahren wir! Um elf Uhr hört es auf!“ Und tatsächlich, auf die Minute um elf Uhr setzte der Regen aus, die Wolken ließen die Sonne durch, und ein strahlender Sommertag begleitete uns. Oder das Geschenk eines besonders engen russischen Freundes, der mir auf der Nehrung seine letzte Publikation überreichte, mit einer sehr lieben Widmung...

Jedes Paradies zieht Menschen an, so natürlich auch diese Dünenlandschaft. Und jedes Paradies inspiriert die Dichter. So fand ich in einem Gedicht, vor zwanzig Jahren geschrieben, den immer mehr anwachsenden Tourismus ausgedrückt. Reinhold Ahr spricht in seinem Gedicht „Epha-Düne“ von den „ausgespuckten Busmenschen“, die allerdings „achtungsvoll bewundern“. Ahr stellt hier den „Retter der Nehrung“ in den Mittelpunkt. Wilhelm Franz Epha, geboren 1828 in Goldap, gestorben 1904 in Rossitten, führte die „Bestrauchung“ der großen Wanderdünen ein und beendete damit das Schicksal der Nehrungsbewohner, von den Sandmassen begraben zu werden. „Sand brachte Tod“, dichtet Reinhold Ahr.

Die „Frauen von Nidden“ suchen den Tod in der Düne, als die Pest ihr Dorf entvölkert hat und niemand mehr da ist, der sie begraben kann. Das tut nun die Düne, das „Mütterchen“. Heute kann sie das nicht mehr, weil der Herr Epha „das Rettungswerk/der Bedrohten“ vollbracht hat. „Der ehrwürdige Düneninspektor/möge gelassen weiterruhen,/sein Handeln/hat Bestand“, so Reinhold Ahr.

Er ermöglichte auch die Invasion der „ausgespuckten Busmenschen“. Eine Völkerwanderung findet statt: die Düne hinauf, auf die Holzbohlen, die immer solider und bequemer werden. Verschiedene Sprachen klingen in den weiten blauen Sommerhimmel; Kinderwagen, Reiseleiter, die einen weißen Schirm hochhalten, damit ihre Gruppe sie findet – unermüdlich arbeiten die Kameras und Smartphones.

Diese „Welt des Schweigens“, von der Ernst Wiechert (1887-1950) in seinen Lebenserinnerungen „Jahre und Zeiten“ schreibt! Der jüdische Arzt Lawrenz in seinem Roman „Die Jerominkinder“ sagt über die Nehrung: „Ich denke mir, dass Gott hier wieder in einer Feuersäule erscheinen könnte. Ein großes Land, das ihm gemäß ist. Wie die Wüste vor viertausend Jahren.“

Für die Busmenschen gibt es heute alles zu kaufen, was das Herz begehrt. „Für das leibliche Wohl ist gesorgt“, steht in Westdeutschland in den Einladungen zu Veranstaltungen und Festlichkeiten. Hier auch. Hotdog, Cola, Sandwich, Eis, Pizza – alles ist zu haben. Außer den Tischen und Buden, wo immer Bernstein und Andenken verkauft werden, gibt es eine ganze Einkaufspassage, geschmackvoll und stilecht aus Holz erbaut. Drinnen funkelt und glitzert es von wertvollen und kostspieligen Waren, anders als 1922, als Ernst Wiechert seinen ersten Sommerurlaub auf der Nehrung verbrachte. „Hier war es wohl nun, wo man Ewigkeit beginnen konnte. Wo die alten Fischer noch Kurisch sprachen... Wo man auf einer Tageswanderung nicht einen einzigen Menschen sah und die Sprache einem als ein Geschwätz erschien, nur geschaffen, um die Angst vor diesem Antlitz der Ewigkeit zu betäuben.“

Aber die Nehrung hat immer ein Geschenk, auch für die Ausgespuckten. „heute die Aussicht/ist sie/die gleiche“, dichtet Reinhold Ahr. Hier braucht Ernst Wiechert allerdings mehr Worte. „Große Möwen mit weitgespannten Flügeln, und einmal ein Adler, der über den Sandbergen kreiste. Die Luft war tiefblau wie über der Wüste, und alle Konturen flimmerten wie über einem glühenden Ofen... und endlich blieb zu ihrer Linken nur ein sanft geformtes Gebirge weißgelblich schimmernden Sandes, das sich ohne Übergang in das Wasser stürzte.“

Auch greifbare Geschenke kann man finden auf diesem besonderen Streifen Land. Eine Händlerin wartete auf Kundschaft. Wir kamen ins Gespräch. Es wurde schnell ein recht persönliches Gespräch. Was sie zu mir sagte, traf meine Seele und tat ihr sehr gut. Ein kleines Armbändchen aus mehrfarbigem Bernstein mit winzigen Glitzersteinchen dazwischen erinnert mich daran.

Bärbel Beutner




Devisenkurse: 09. 10. 2019
1 EUR = 71,4500 Rbl
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Quelle:Russ. Zentralbank