Geschichte & Kultur
09. 10. 2019
Der lange Weg zur Identität
Anlässlich einer Forschungsreise nach Kaliningrad machte Dr. Rolf Geffken aus Hamburg am Rande seines Aufenthaltes eine Reihe von Beobachtungen, die für unsere Leser von Interesse sein dürften.

Der restaurierte Königsberger Dom ist der Anziehungspunkt Nr. 1 für Touristen aus dem In- und Ausland. Foto: I.S.
Die KE-Redaktion veröffentlicht an dieser Stelle ein Kapitel seines Reiseberichtes:

Kaliningrad hat lange gebraucht, um zu einer eigenen Identität zu finden. Der Grund dafür lag vor allem darin, dass man das historische Erbe der großen Stadt Königsberg lange Zeit nicht antreten wollte. Nur ganz wenige erhaltene Baudenkmäler wurden wieder aufgebaut oder rekonstruiert. Ganz anders etwa als in Danzig oder Breslau. Dort gab es bekanntlich durchaus Bezüge zur polnischen Geschichte. In Königsberg aber gab es keine Bezüge zu Russland. Selbst der Namensgeber Kalinin, seinerzeit Staatsoberhaupt der Sowjetunion, hatte keinerlei Bezug zur Stadt.

Und doch: Die Aneignung der Königsberger Geschichte begann zunächst mit Immanuel Kant, der zeit seines Lebens dort arbeitete und an der „Albertina“, der Königsberger Universität, lehrte. Das am alten Dom errichtete große Grabmal wurde mit Spenden der aus Ostpreußen stammenden Gräfin Dönhoff wiedererrichtet. Im Hauptgebäude der Universität im Süden des Stadtzentrums wurde eine Replik des im Kriege verschollenen Denkmals aufgestellt. Heute steht das Denkmal Schillers vor dem Kaliningrader Theater und das Denkmal des Gründers der Universität Herzog Albrecht am Dom. Und die Universität selbst trägt nun den Namen Immanuel Kants.

Wenige Sakralbauten blieben im Feuersturm der britischen Bomberangriffe im Jahre 1944 und bei dem Kampf um die „Festung Königsberg“ 1945 unzerstört. Noch weniger wurden wieder aufgebaut oder rekonstruiert. Zu den Ausnahmen gehört der Dom auf der Dominsel zwischen den beiden Armen des Flusses Pregel, der jetzt in einer Art Park liegt, während er früher von dichter Bebauung umgeben war. Ebenso gehört dazu die erst in den 1930er Jahren entstandene Kreuzkirche und die Juditter Kirche aus dem Jahre 1288. Doch diese Kirchen sind jetzt russisch-orthodoxe Kathedralen, während die katholische St. Adalberts Kirche in der Sowjetzeit in ein Verwaltungsgebäude umfunktioniert wurde, die evangelische Königin-Luise-Gedächtniskirche ins Kaliningrader Puppentheater umgewidmet und aus der katholischen Kirche zur Heiligen Familie die Kaliningrader Philharmonie wurde. Die Christuskirche im Stadtteil Rathshof war fortan der Kulturpalast der Waggonfabrik.

Auch der Dom wird nicht mehr als Kirche benutzt. Er hat die Funktion eines Konzert- und Versammlungssaals erhalten. Mittelpunkt und visuelles Zentrum der ehemaligen Kirche ist nicht mehr der Altar, sondern die neu eingebaute Orgel, auf der im Sommer allabendlich berühmte Organisten spielen. Das Gestühl ist ausgerichtet auf die Orgelempore, so dass der Organist und nicht der Altar in den Blick rückt. Im Rücken der Zuschauer befindet sich eine Bühne. Das Gestühl kann komplett Richtung Bühne (ehemals Altar) gewendet werden. Bei einem spontanen Besuch konnte der Verfasser neben modernen Kompositionen vor allem der „Toccata und Fuge in H-Moll“ von Johann Sebastian Bach lauschen. Das Kirchenschiff war gefüllt mit musikbegeisterten Einheimischen und (meist russischen) Touristen.

Noch gut erhalten sind die im maurischen oder neogotischen Stil erbauten zahlreichen Stadttore, wie das Königstor, das Brandenburger Tor, das Sackheimer Tor, das Roßgärter Tor und das Friedländer Tor.

Einige der Tore werden heute als Museen genutzt. Das Brandenburger Tor etwa als „Marzipan-Museum“, mit dem die Marzipanproduktion im ehemaligen Königsberg gewürdigt wird.

Daneben hat Kaliningrad nach der Wende völlig neue große russisch-orthodoxe Kathedralen erhalten, so am Siegesplatz mit der Gedenksäule für die im Großen Vaterländischen Krieg gefallenen Sowjetsoldaten und unweit des Dohna-Turms, Teil einer Befestigungsanlage, in der sich heute das größte Bernsteinmuseum der Welt befindet.

2011 wurde am Standort der von den Nazis 1938 zerstörten Hauptsynagoge der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt. Sieben Jahre später, im November 2018 wurde die Synagoge von Russlands Oberrabbiner Berel Lazar feierlich eröffnet.




Devisenkurse: 09. 10. 2019
1 EUR = 71,4500 Rbl
1 US$ = 65,1000 Rbl
Quelle:Russ. Zentralbank