Impressionen
10. 09. 2019
In der Straßenbahn mit Hannah Arendt (1. Teil)
Auf dem Weg zur Arbeit wandelt unser Praktikant Magnus Obermann auf den Spuren alter Straßen und rumpelnder Straßenbahnen durch die Stadt – ein Streifzug zwischen Philosophie und Gesellschaft von Königsberg nach Kaliningrad.

Endstation „Bassejnaja-Straße“, Linie 5 - die einzige Straßenbahnlinie in Kaliningrad, die es noch gibt. Foto: M.O.
Das knatternde Rauschen glatt gefahrener Gummireifen auf hartem Kopfsteinpflaster ist das erste, das an vielen Kaliningrader Straßen auffällt. Seltsam eingefallen schlängeln sie sich vielerorts durch die Stadt, im Laufe der Zeit ist die Verankerung mancher Steine brüchig geworden. Ihre Renaissance hat auch bereits eingesetzt, an den meisten Stellen sind die Kopfsteine längst entfernt und durch geräuschschluckenden Asphalt ersetzt.

Nur in der Mitte der breiten Prospekte sieht man sie eigentlich überall: Pflastersteine, von allen Seiten eingeengt und nur durch die schmalen Schienen einer grazil wirkenden Straßenbahn zusammengehalten. Schnell ist klar: Es wäre schlicht zu lästig gewesen, sie im Zuge kostspieliger Umbauarbeiten auch noch zu entfernen. Und wieso auch? Es funktioniert doch alles bestens. Pragmatismus, neuer Zug auf alter Spur, reibungsloser Verkehr – vielleicht gibt es kein besseres Sinnbild für die Atmosphäre in dieser besonderen Stadt. Der Sound der Großstadt aber wird zu einem Ruf aus der Vergangenheit: Das sind keine normalen Straßen, diese Wege sind Zeitzeugen.

Besonders oft fährt die Straßenbahn eigentlich nicht, jedenfalls wenn man den Zwei-Minuten-Takt der Moskauer Metro gewöhnt ist. Besonders viele Menschen sitzen auch nicht in ihr, das Netz ist nicht mehr sehr ausgebaut. Der Freundlichkeit der Fahrerin tut all das keinen Abbruch. Im Gegenteil, man ist interessiert, freundlich und aufgeschlossen. Die Passagiere sind ein Spiegelbild der Kaliningrader Bevölkerung, bunt zusammengewürfelt aus allen Ecken der Russischen Föderation. Eine ganze Welt von Menschen, aber irgendwie scheint jeder auch ein bisschen in seiner eigenen Welt stehen geblieben zu sein.

Gut möglich, dass Hannah Arendt ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen, als sie 1924 mit bestandenem Abitur vielleicht in eben solch einem Straßenbahnwaggon nach Hause fuhr. Im zweiten Anlauf hatte es also doch noch mit ihr und der Stadt geklappt! Nachdem die in Hannover geborene, aber in Königsberg aufgewachsene Schülerin wegen eines Zwists mit einem Lehrer nach Berlin hatte ausweichen müssen, hatte es zunächst gar nicht danach ausgesehen. Ebenso wenig, wie im Moment abzusehen war, welch weitere Geschichte der Stadt und ihrer Schülerin beschieden sein und wie die Schülerin aus der Garnisonsstadt heraus ihren Weg zur Weltbürgerin finden sollte.

Wer heute mit einer ähnlichen Perspektive, d.h. ohne jede heimatliche Bindung an Königsberg, Kaliningrad oder Russland, doch aber einem heimatlichen Verständnis für all diese Menschen, in die Stadt kommt, muss sich wundern. Der muss zum einen über die physische Beschaffenheit dieser Stadt staunen, aber auch über ihre metaphysische.

Zuerst die physische Grundlage, eine persönliche Annäherung an die Stadt. Nie werde ich mein Gefühl vergessen, als ich zum ersten Mal nach Kaliningrad kam: Moskau, gegen 5 Uhr. Kalt und windig, vorgestern hat es quasi noch geschneit. Moskau im April halt, im Flugzeug schlafe ich direkt ein. Aber wo wache ich auf? Man sieht blaues Meer, einen endlos langen Strand. Hellblauer Himmel, Sonne, um die 30° gefühlte Lufttemperatur. Und ich hatte noch extra mein Fleece eingepackt! Auf dem Weg in die Stadt eine Fahrt durch einen Wald, irgendwie vertraut europäisch, irgendwie auch anders, irgendwie aber angenehm. Damit hatte ich schon mal nicht gerechnet. Dann in der Stadt auch nicht die graue Betonwüste, die ich von Kaliningrad erwartet habe. Stattdessen Möwen, kleine Häuschen mit Grünfläche davor, Straßen, von denen ein paar beim Vorbeilaufen aussehen wie verwunschene Alleen. Und das alles kein altes „Königsberg”, sondern quicklebendiges Kaliningrad.

Nun steigen wir langsam in die Metaphysik ein. Insgesamt spüre ich nämlich viel freien Raum, dazu das ganz normale „Russland“. Aber – als ob das ein Widerspruch wäre – eben in Klein, keine Weite, die den Leuten auf das Gemüt schlägt. Vielem hier merkt man an, dass es eine Vergangenheit mit sich herumträgt, von den einen Ewig-Gestrigen glorifiziert und von den anderen Ewig-Gestrigen am liebsten ausgelöscht: Motivation und Depression liegen nah beieinander. Genau diese Tatsache bringt Dynamik in die Geschichte, zumindest potenziell.

Gerade deshalb muss man auch erstaunen über eine frappierende Lethargie, die einen bisweilen anspringt. Oft, diese Wahrnehmung verfestigt sich, würde es hier nur drei Spatenstiche brauchen, um aus einem verfallenen Park wieder eine Flaniermeile zu machen. So wenig Einsatz und so viel Gewinn – doch scheinbar passiert nichts. Man würde sich wünschen, dass ziviles Engagement einmal über den patriotisch-militaristischen Kitsch hinaus möglich wäre, den es zuhauf gibt. Wo sind sie, die zahlreichen Umwelt-, Sozial- und Künstlergruppen? Ich bin sicher, dass es sie gibt, aber sie haben ein Sichtbarkeitsproblem. In der Stadt, über die der nicht gerade reiselustige Immanuel Kant einmal sagte, der bloße Aufenthalt in ihr reiche wohl aus, um seine Menschen- und Weltkenntnis zu erweitern, scheint sich die politische Philosophie geändert zu haben.

Magnus Obermann

(Fortsetzung folgt im Oktober)




Devisenkurse: 08. 11. 2019
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Quelle:Russ. Zentralbank