Stadt und Menschen
10. 09. 2019
„Treff-Tisch“ feiert Jubiläum
Seit über 10 Jahren trifft sich der Treff-Tisch Deutschsprachiger (TTD) jeden Mittwoch um 19 Uhr im bayrischen Restaurant „Zötler“ in Kaliningrad. Die Treffen haben sich aber längst zu einer eigenständigen Plattform für Gespräche und Erfahrungsaustausch über Ländergrenzen hinaus weiterentwickelt.

„Seit 10 Jahren treffen wir uns bei Zötler“ steht in russischer Sprache auf dieser extra zur Jubiläumsfeier gebackenen Torte. Foto: Facebook
Angefangen hatte alles mit einer schlechten Nachricht. Bis 2009 hatte die Außenhandelskammer Hamburg allmonatlich zu einem geselligen Beisammensein bei Speis und Trank eingeladen. Die deutschsprachige Gemeinde Kaliningrads und ihr russischer Bekanntenkreis hatten das Angebot immer gerne wahrgenommen, doch auf einmal fehlte das Geld. „War auch eigentlich klar“, findet Wolfgang Sauer, pensionierter Gartenbauingenieur, der den Treff-Tisch heute koordiniert.

Was aber tun? Zwar gibt es in Kaliningrad eine evangelische und eine katholische Kirchengemeinde, Wirtschaftsverbände, an der Stadt und ihrer Geschichte interessierte Gesellschaften und natürlich das Generalkonsulat. Erst einmal genug Anlaufpunkte für neue und alte Wahl-Kaliningrader aus dem Ausland, sollte man meinen. Tatsächlich aber fehlte der deutschsprachigen Gemeinde eine gemeinsame Plattform, die zum ungezwungenen Gedankenaustausch über private, wirtschaftliche, touristische oder gesellschaftliche Themen einlud.

All das bietet seit langem der „TTD“ in gemütlicher und betont einladender Atmosphäre. Der Name „Treff-Tisch“ ist dabei bewusst gewählt, um auszudrücken, dass es sich keineswegs um einen immer gleichen Stammtisch mit festen Mitgliedern handelt. Die persönlichen Kontakte sollen im Vordergrund stehen, was durch das obligatorische „Du“ noch erleichtert wird. „Deutschsprachig“ bedeutet zudem, dass nicht nur Deutsche eingeladen sind, sondern eben alle, die Deutsch sprechen und Lust darauf haben, dies auch zu tun. Dazu erinnert sich Wolfgang Sauer: „Manchmal haben wir auch Leute, die die Sprache erst noch lernen, das ist dann natürlich schwierig für sie. Aber ganz oft kommen Niederländer oder selbst Engländer, die fließend Deutsch sprechen.“

Und natürlich auch Russen – besser gesagt Russinnen: „Die meisten Frauen hier sind Russinnen, die mit deutschen Männern verheiratet sind. Wenn sie in der überzahl sind, verfallen sie natürlich gerne ins Russische. Aber die meisten Deutschen verstehen das auch ganz gut,“ schmunzelt Wolfgang Sauer. Viele der deutsch-russischen Projekte, die am Treff-Tisch entstehen, sind familiär begründet. Darüber hinaus werden mitunter auch geschäftliche Verbindungen gepflegt, insbesondere bei den Landwirten, die den größten Teil der etwa 200 fest im Kaliningrader Gebiet lebenden Deutschen ausmachen.

Ausdrücklich richtet sich das Angebot aber auch an Besucher, die nur ein paar Tage in der Stadt sind. Immer mehr Menschen nutzen die Chance, touristische Geheimtipps und Erfahrungen aus dem Alltag aus erster Hand zu erhalten. Seine eigene Rolle sieht Sauer dabei weniger als Organisator, denn als Koordinator: „Wir wollen hier einfach ein Angebot machen, nur Extremisten finden bei uns am Tisch keinen Platz. Der TTD steht für Verständnis, Toleranz, Freundschaft im Privaten wie zwischen Völkern.
Kaliningrad ist für viele ein Fenster nach Russland, genauso wie es für die Russen ein Fenster nach Europa ist. In den letzten zehn Jahren hat sich hier alles sehr schön entwickelt.“

Magnus Obermann




Devisenkurse: 08. 11. 2019
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Quelle:Russ. Zentralbank