Sitten und Bräuche
02. 07. 2019
Hohe Ehre für kleines Pregeldorf
Am 22. Mai 2019 fand in der Dorfkirche von Uschakowo ein feierlicher Gottesdienst zu Ehren des Heiligen Nikolaus statt. Das Gotteshaus war im ehemaligen deutschen Heiligenwalde im Jahr 1344 gebaut worden.

Die orthodoxen Geistlichen fallen durch ihre reich geschmückten Gewänder auf. Foto: privat
Auch in deutscher Zeit war der Heilige Nikolaus bis zur Reformation der Schutzpatron der Kirche, da ihm, dem Beschützer der Fischer und Seefahrer, häufig Kirchen an Flüssen oder Seen gewidmet wurden. Als die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) 2010 das Territorium in Uschakowo mit der Kirche und der Schule, einem Gebäude aus dem Jahre 1936, übernahm, trat der Heilige Nikolaus sozusagen wieder in seine alten Rechte ein und wirkt seitdem segensreich für diesen Ort und seine Umgebung. Die ROK renovierte die Schule und richtete dort ein soziales Zentrum mit moderner Ausstattung ein, genannt „Zuflucht“, in dem Frauen und Familien in Not Unterkunft und Hilfe finden.

Zweimal im Jahr wird der Schutzheilige durch einen festlichen Gottesdienst geehrt. 2019 ist zudem ein „Jubiläumsjahr“: der 675. Geburtstag seit Gründung der Kirche und des Dorfes. Im Internet wurde der Gottesdienst angekündigt, „zelebriert vom Kaliningrader und Baltischen Bischof Seraphim“. Auch „ein Festprogramm zum 675. Geburtstag der Kirche Heiligenwalde“ stand als Ankündigung dort.

Vor Ort herrschte bereits Tage zuvor Hochbetrieb. Der Baumeister Viktor Staruschkin und seine Frau Irina hatten mit ihren Helfern die Kirche, die Grün- und Blumenanlagen und die gepflasterten Wege auf Hochglanz gebracht. Zwei Tage vor dem Fest wurde noch der schmiedeeiserne Zaun um das Territorium gestrichen.

Am 22. Mai selbst war in Uschakowo um sieben Uhr alles auf den Beinen. Tische, Bänke und Stapelstühle wurden aus der Schule auf den Hof getragen und dort zu einem Viereck aufgestellt. Weiße Tischdecken zierten die Tische, die reich gedeckt und dekoriert waren. In der Küche im Parterre hatte man vorher emsig geschnitten und zubereitet, um die zahlreichen Platten zu belegen und die Schüsseln zu füllen.

Um 10.00 Uhr begann der Gottesdienst. Bereits ab 9.30 Uhr war Gelegenheit zur Beichte. Erzbischof Seraphim zelebrierte zusammen mit zehn Popen aus Kaliningrad. Es hatten sich an die 100 Besucher eingefunden, unter ihnen der Leiter der Ortsverwaltung von Gurjewsk/Neuhausen, Sergej Podolski, und der Bürgermeister von Nisowje/Waldau, Jewgenij Winnik.

Dies alles war eine hohe Ehre für das kleine Pregeldorf Uschakowo/Heiligenwalde. Aber Glanz und Ehre stehen dort nicht an erster Stelle. Die Gesänge der Popen erfüllten den Kirchenraum, der aufgrund des hölzernen Tonnengewölbes eine beeindruckende Akustik hat. Ein kleiner Chor auf der Empore verstärkte die Wirkung der Musik. Die prachtvollen Gewänder der Geistlichen wurden von zahlreichen Kerzen beleuchtet, die die Gläubigen angezündet hatten, und der Weihrauch stieg in das Sonnenlicht, das durch die vier Fenster auf der Südseite fiel, in denen ein goldenes Kreuz auf blauem Grund erstrahlte.

Nach der Feier des Sakramentes und dem Umzug um die Kirche kam man wieder zum Gebet zusammen, und Wladyka Seraphim ehrte den Heiligen Nikolaus mit einer Ansprache. Er stellte ihn als Vorbild dar, der anonym und ohne viel Aufhebens den Notleidenden geholfen habe. „Wie können wir ihm nacheifern und ihm die größte Ehre erweisen? Indem wir Gutes tun wie er!“, sagte Seraphim. Die Ursache der jahrhundertealten und tiefen Verehrung des Heiligen Nikolaus liege in seinem inneren Reichtum, so der Bischof.

Zu einem Ort, an dem Gutes getan wird, ist Uschakowo/Heiligenwalde geworden. Der bewegende Gottesdienst und das anschließende Festprogramm zeigten die Bestimmung dieser kleinen Dorfkirche in der Zeit nach dem verheerenden Krieg. Sie führte Menschen und Religionen in Frieden und Freundschaft zusammen.

Mehrmals schon hat es in Heiligenwalde frohe Feste gegeben: ein großes deutsch-russisches Fest 1994, zu dem das Kaliningrader Fernsehen kam, und einen deutschen Erntedank-Gottesdienst 2007 – um nur zwei Ereignisse zu nennen. Und nun, im Jahre 2019, saßen die orthodoxe Geistlichkeit, die Dorfbewohner und Gäste von auswärts fröhlich beisammen. Die Folklore-Gruppe „Timoni“ vom Orthodoxen Gymnasium in Kaliningrad erfreute die Anwesenden mit ihrem Gesang. Die meisten Gäste kannten sich und genossen die Köstlichkeiten und die angeregten Gespräche. Es hätten mehr deutsche Besucher dabei sein können, die anwesenden jedoch waren voller Dankbarkeit dafür, dass „ihre Kirche“ wieder ein Gotteshaus geworden ist.

Bärbel Beutner




Devisenkurse: 10. 09. 2019
1 EUR = 72,3000 Rbl
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Quelle:Russ. Zentralbank