Geschichte & Gegenwart
02. 07. 2019
„Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache“
Am 8. November 2018 wurde die Neue Synagoge der ehemaligen ostpreußischen Hauptstadt nach zehn Jahren Planung und Bauzeit wiedereröffnet. Als eine der letzten Zeitzeuginnen des jüdischen Lebens in Königsberg war Nechama Drober aus Israel zur Einweihungsfeier nach Kaliningrad gereist.

Nechama Drober besuchte 2018 Kaliningrad, um bei der Wiedereinweihung der Neuen Synagoge dabei zu sein. Foto: I.S.
Einblick in das bewegte Leben der heute fast 92-Jährigen, die 1927 als Hella Markowsky in Königsberg geboren wurde, gibt ihr Buch „Ich heiße jetzt Nechama. Mein Leben zwischen Königsberg und Israel“. 1938 sah sie als Schülerin vom Fenster der elterlichen Wohnung aus, wie die Neue Synagoge in Flammen stand. Ab 1942 wurde die Jüdische Gemeinde der Stadt, die seit Beginn des 18. Jahrhunderts entstanden war, systematisch von den Nazis ausgelöscht. Hella Markowsky verlor zahlreiche Verwandte, Freunde und Bekannte durch Deportationen. Sie erlebte das Unrecht und Elend als „Mischling ersten Grades“ auch am eigenen Leib.

Bemühungen des Vaters zur Ausreise scheiterten aus finanziellen Gründen. 1942 wurde die jüdische Schule geschlossen und Hella arbeitete mit ihrer Schwester Rita schwer körperlich in einer Wäscherei und einer Seifenfabrik. Die Familie musste die Wohnung verlassen und sich in ein zugewiesenes Quartier gemeinsam mit anderen Familien begeben. Auch dieses verloren die Markowskys beim zweiten großen Luftangriff der Briten 1944.

Die Eltern kamen in Jesau (heute Juschny) unter, wohin im Januar 1945 auch die Schwestern flohen, nachdem sie sich bei der Gestapo hatten melden sollen. Hier erlebten sie die gewaltsame Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee. Die eigene jüdische Herkunft konnte die Familie den ersehnten Befreiern nicht glaubhaft nachweisen, der Vater wurde nach Sibirien verschleppt. Von dort kam er nach einigen Jahren frei, sah aber seine Kinder trotz Bemühungen nie wieder, da ihnen mittlerweile die Dokumente zur Ausreise aus der Sowjetunion fehlten. Er starb 1958 in Hamburg.

Ihre Mutter ging mit den beiden Schwestern und dem kleinen Bruder 1945 zurück nach Königsberg. Selbst schwerste tägliche Arbeit der Frauen reichte nicht aus, um alle zu ernähren. Im August starb zunächst der kleine Bruder an Hunger, im September dann die Mutter, die sich Zeit ihres Lebens bemüht hatte, ihre Familie zu schützen. Die Schwestern verließen die Stadt im April 1946 erneut, diesmal in Richtung Litauen, wo Hella mit Hilfe der Jüdischen Gemeinde ihre Identität und den Vornamen in Nechama änderte, um nicht weiterhin als Deutsche aufzufallen. Von 1949 bis 1990 lebte sie in Kischinew, der Hauptstadt der damaligen Moldawischen Sowjetrepublik, wo sie ihren Mann Samuel Drober geheiratet hatte und zwei Söhne bekam.

Versuche seit den 1980er Jahren, in die Bundesrepublik auszureisen, scheiterten, da sie auch den deutschen Behörden ihren Status nicht glaubhaft darstellen konnte. Seit 1990 lebt Nechama Drober nunmehr in Israel, einem Land, an das sie sich erst gewöhnen musste, weil es nicht ihre Heimat war. Immer an ihrer Seite ist bis heute die zwei Jahre ältere Schwester Rita. Kürzlich ist jedoch Nechamas zweiter Sohn, Edik, verstorben – ein Schicksalsschlag, von dem sie sich nur langsam erholt.

Nechama Drober ist unermüdliche Teilnehmerin verschiedenster Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. In Kaliningrad war sie unter anderem im Juni 2011 anwesend, als am Nordbahnhof Kaliningrads, dem Ort des damaligen Abtransports ihrer jüdischen Familienmitglieder und Freunde, in Anwesenheit des Deutschen Generalkonsuls eine Gedenktafel enthüllt wurde.

Für ihre Verdienste ist sie mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden.

Identität und Heimat definierte Nechama Drober nach dem Verlust der geliebten Geburtsstadt und der ursprünglichen familiären Strukturen zeitlebens über ihre deutsche Muttersprache, so, wie es schon Wilhelm von Humboldt einstmals geäußert hatte: „Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache.“ Wir wünschen dieser mutigen Frau, die so viel erlebt hat, wie andere in zwei bis drei Leben, noch viele gesunde Jahre.

Alexandra Jelitte

Nechama Drober: „Ich heiße jetzt Nechama. Mein Leben zwischen Königsberg und Israel“, Uwe Neumärker (Hrsg.), ISBN 978-3-942240-06-2, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.




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Quelle:Russ. Zentralbank