Mensch und Natur
06. 05. 2019
Vogelwarte startet in die neue Saison
Die Vogelwarte „Fringilla“ auf der Kurischen Nehrung eröffnet die diesjährige Forschungssaison.

Fringilla, älteste Ornithologiestation Europas, startet in die Vogelberingungssaison 2019. Foto: I.S.
Die Vogelwarte des Zoologie-Instituts der Akademie der Wissenschaften Russlands befindet sich unweit der Siedlung Rybatschij (ehem. Rossitten) genau an der Stelle, wo Professor Tinnemann im Jahr 1901 die weltweite erste Ornithologie-Station gegründet hatte. Sie wurde auf den Namen „Fringilla” getauft, was auf Latein „Fink“ bedeutet. Russische Ornithologen nahmen die Forschungsarbeit ihrer deutschen Kollegen in den ersten Nachkriegsjahren wieder auf und führen sie seitdem erfolgreich weiter. Die Vogelfangnetze befinden sich dabei an einem perfekt ausgewählten Ort: der 23. Kilometermarke der Autostraße, die entlang der Nehrung verläuft. Genau dort kreuzen die saisonbedingten Routen der Zugvögel die Nehrung.

Fringilla ist heute die größte aller europäischen Vogelwarten. In ihr werden zwei Drittel aller in Russland stattfindenden Vogelberingungen vorgenommen.

Anatolij Schapowal, der seit 1976 auf der Fringilla tätig ist und somit auf die längste Arbeitserfahrung aller dort Tätigen zurückblicken kann, erzählt: „Zugvögel mögen es nicht, während ihrer Herbst- oder Frühjahrszüge lange über dem Meer zu fliegen. Sie nutzen deshalb die Nehrung als eine Art Raststätte. Die Vögel fühlen sich vor Ort in Sicherheit, die Nehrung bietet ihnen Nahrung und Schutz vor eventuellen Unwettern. Hier verläuft die übliche Route von über 300 verschiedenen Zugvögelarten, die von Finnland, Karelien und den baltischen Ländern nach Südeuropa und Afrika fliegen bzw. später den entgegengesetzten Weg nehmen. Sichten die Zugvögel während ihres Fluges einen Landstreifen am Meer, wie die Nehrung, sammeln sie sich zu einem großen Schwarm und fliegen ganz niedrig entlang des Kamms unserer Sanddüne. So können wir sie einfangen. Ende der 1980er Jahre verfingen sich beispielsweise täglich bis zu 500.000 Vögel in unseren Netzen. Seitdem hat sich die Landschaft um die Vogelwarte herum verändert. Wo früher junge Bäume gepflanzt wurden, steht jetzt ein Wald. Die Vögel finden das Grün des Waldes attraktiver als die blanke Sanddüne, wo unsere Fangnetze stehen. Also fliegen sie an diesen vorbei in den Wald. Deshalb fangen und beringen wir jetzt nicht mehr die Millionen Vögel, wie es früher der Fall war, sondern lediglich mehrere Zehntausend pro Saison. Es gibt aber auch so sehr viel Arbeit. Wir beringen jetzt monatlich etwa 20.000 Vögel von bis zu 70 verschiedenen Arten. Pro Saison macht das bis zu 100.000 Vögel von maximal 200 verschiedenen Arten aus.“

Der leitende wissenschaftliche Mitarbeiter Arsenij Zweig arbeitet seit 1996 in der Vogelwarte. Wohnhaft in St. Petersburg, reist er jedes Jahr hierher, um von April bis November auf der Kurischen Nehrung tätig zu sein. Auch er hat Abertausende von Zugvögeln beringt.

„Bei jedem Vogel, und mag er noch so klein sein, sind seine Maße, sein Gewicht und sein Fettanteil zu ermitteln“, erzählt er. „Hat ein Vogel wenig Fett, dann wissen wir, er fliegt nicht sehr weit weg. Nach der Untersuchung werden die Vögel beringt und in die Freiheit entlassen. All das müssen wir sehr schnell tun, um die Tiere vor zu viel Stress zu bewahren.“ Dann zeigt Arsenij seinen jüngsten Fang: „Das ist eine Lasurmeise. Sie wiegt 11,6 Gramm und hat eine Flügelspannweite von 67 Millimeter. Und das hier ist ein Goldhähnchen mit nur 5 Gramm Gewicht.“

1931 kam einer der ersten Vogelberingungsatlanten aus dem Druck. Er wird seitdem ständig ergänzt, präzisiert und vervollkommnet. So kann man erkennen, wie sich die Vogelarten verändern und weiterentwickeln, welche verschwinden und welche neu entdeckt werden. Es werden die anatomischen und physiologischen Eigenschaften der Tiere sowie der Verlauf und die Länge ihrer Flugrouten untersucht.

„Die Vogelkundler haben zum Beispiel entdeckt, dass sich bei Finken die Männchen als erste auf den Weg machen, um die besten Plätze für eine Überwinterung auszuwählen. Erst danach lassen sie ihre Weibchen nachkommen“, lächelt Zweig. Während er das sagt, fliegt ein neuer Schwarm von Finken ins Netz, so dass sich der Ornithologe ihnen zuwendet.

Die Vogelwarte wird bald 120 Jahre alt. Möge sie der Menschheit viele neue Erkenntnisse über die gefiederten Mitbewohner unseres Planeten Erde bringen!




Devisenkurse: 02. 07. 2019
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Quelle:Russ. Zentralbank