Geschichte & Kultur
06. 05. 2019
„Schloss war ein besonderer Anziehungspunkt“
Unser Leser Joachim Albrecht aus Wetzlar erinnert sich an seine Kindheit in Königsberg. Einen tiefen Eindruck haben auf ihn damals die Besuche des Königlichen Schlosses gemacht, in dem ein Museum untergebracht war.

Das waren in den 1960er Jahren die letzten Minuten der Reste des Königlichen Schlosses, bevor diese durch Sprengung dem Erdboden gleichgemacht wurden. Archivbild
Wir wohnten Am Rhesianum 2. Unser Vater, Erich Albrecht, Jahrgang 1900, geb. in Lyck, Masuren, war in Königsberg als Kürschner bei der Fa. Stein in der Französischen Straße beschäftigt. Er war sehr bemüht, uns die Sehenswürdigkeiten dieser wundervollen Stadt nahezubringen. Ein besonderer Anziehungspunkt war das Schloss.

Es war an einem Sonntag, als wir – unser Vater, mein Bruder Günther (Jahrgang 1928, Uhrmacherlehrling bei der Fa. Walter Bistrick, Vorder-Rossgarten) und ich, Joachim, (Jahrgang 1933, Schüler der „Schönschule“ Mitteltragheim) – im Innenhof des Schlosses standen und ergriffen den Darbietungen der Turmbläser zuhörten. Nachdem die letzten Trompetentöne verhallt waren, begaben sich die Bläser von der Turmhöhe zum Treppenabgang, wobei mein Bruder zu zählen begann: 21, 22, 23, 24, 25 usw., um die Zeitspanne ihres Abstiegs zu ermitteln. Das Ergebnis ist mir nicht mehr bewusst, ich weiß aber, dass die Turmbläser erst nach einer längeren Zeit mit ihren Instrumenten aus der unteren Tür auf den Innenhof traten. Bis heute ist mir dieses Bild lebhaft vor Augen.

Das Schloss war oft unser Ziel, besonders, wenn uns meine Großmutter aus Insterburg besuchte und Onkel Paul, Vaters Bruder, mit unserem Cousin aus Lyck zu uns kam. Ich war jedes Mal begeistert, so etwas Schönes, Gediegenes betrachten zu können: die Räumlichkeiten, die Gemächer, den Moskowitersaal, die Kirche mit den an den Wänden befindlichen Wappen der preußischen Würdenträger. Bei deren Anblick war ich glücklich.

Fasziniert war ich ganz besonders von einem Exponat. Es war eine Tischuhr mit einer schiefen Ebene, auf der sich ein Uhrwerk befand, das sich durch das eigene Gewicht in Gang setzte. Ich glaube, es war ein französisches Werk und es hatte blaue Emailleverzierungen. Man nennt das auch „Schwerkraftuhr“. Einige Male bin ich allein zum Schloss gelaufen und habe mir von meinem spärlichen Taschengeld den Eintritt geleistet, um wie gebannt das Uhrwerk zu betrachten, das sich aber leider hinter einer Glasscheibe befand. Wahrscheinlich hat diese Faszination dazu beigetragen, dass ich später das Uhrmacherhandwerk erlernt habe und heute mit 85 Jahren noch Uhren reparieren kann, die mir viele Leute, auch von weit her, wie ihre „Schätze“ ins Haus bringen. Die Leute sind glücklich, wenn sie ihre Uhren wieder ticken und läuten hören. Ich wiederum habe meine Beschäftigung und kann meine Rente aufbessern.

Die Zerstörung des Schlosses durch die Bombenangriffe traf mich sehr. Als Ruine mit dem noch fast intakten Turm strahlte das Schloss immer noch eine Würde aus. Die angeordnete Sprengung hielt ich für Vandalismus!!!

Im August 1991 reiste ich mit meiner Frau das erste Mal nach dem Krieg nach Königsberg. Beim Besuch des Lasch-Bunkers traf ich auf eine nette, resolut wirkende russische Reiseführerin. Wir kamen ins Gespräch. Als wir über die Sprengung der Schlossruine sprachen, bemerkte ich Tränen in ihren Augen!

Joachim Albrecht, Wetzlar




Devisenkurse: 06. 05. 2019
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Quelle:Russ. Zentralbank