Geschichte & Kultur
01. 02. 2019
Ein Hauch vergangener Zeiten
Eines der originellsten Museen in Kaliningrad ist zweifellos das „Alte Haus“ in der damaligen Schrötterstraße, heute ul. Krasnaja 11. Einen Besuch in den ehemaligen Räumlichkeiten der Kaufmannsfamilie Gustav Großmann sollte man nicht verpassen.

Arbeitsecke im Wohnzimmer mit einem speziell für Männer gefertigten Stuhl. Foto: Autorin
Die Großmanns lebten vor über 100 Jahren in der Wohnung Parterre rechts im 1912 erbauten Gebäude. Sie betrieben auch das neben dem Haus befindliche Geschäft. Zu sowjetischen Zeiten wurde die Dreizimmerwohnung zur „Kommunalka“ umfunktioniert. In jedem der Zimmer wohnte eine Familie. Küche und Bad teilte man sich. Als Natalja und Alexander Bytschenko die Wohnung vor einigen Jahren übernahmen, erinnerten lediglich einige Stuckreste an der Decke an die glanzvollen Zeiten des damaligen Großbürgertums. Auf nationalen und internationalen Antik- und Flohmärkten trugen die beiden originale Einrichtungsgegenstände der damaligen Zeit zusammen und gestalteten damit liebevoll und stilgetreu Wohnzimmer mit Salon, Arbeitsecke, Schlafzimmer, Küche, Bad und Korridor. Die Räume erinnern an herrschaftliche Wohnungen in Berlin-Mitte, -Pankow oder -Steglitz, als es noch Zugehfrauen gab und in der Küche nur das Personal hantierte.

Eben diese Küche ist besonders beeindruckend. Man kann sich nur wundern, welche Gerätschaften es schon Anfang des letzten Jahrhunderts gab, um das Leben angenehmer zu machen. Waffeleisen, Kirschentsteiner, Warmhaltevorrichtungen für Teller, ausgeklügelte Fliegenfänger, mechanische Einkaufslisten und vieles mehr präsentieren sich den staunenden Besuchern.

Zusätzlich zu den anderthalbstündigen Führungen bietet das „Alte Haus“ zahlreiche Abendveranstaltungen zur Geschichte der Region. So stellte zum Beispiel der Archäologe und Historiker Jaroslaw Prassolow, Mitglied der Akademie der Wissenschaften Russlands, unlängst sowohl den deutschen Forscher Hermann Sommer als auch seine eigenen Forschungen zur vorchristlichen Zeit in der Region vor. Bereits Sommer und seine Vorgänger verfügten durch Ausgrabungen über umfangreiche Kenntnisse der Urbesiedlung Ostpreußens. Einige der Archivunterlagen sowie Ausstellungsstücke, die in der damaligen Ordensburg Lochstedt bei Pillau lagerten, gelang es ihm, bei Kriegsende in mehreren Koffern mitzunehmen. Heute ist dieser Schatz durch verschiedene Umstände in drei Teile geteilt und befindet sich an unterschiedlichen Orten. Prassolow arbeitet jedoch daran, Kenntnisse aktueller Ausgrabungen mit denen der alten ostpreußischen Forschung Stück für Stück zusammenzuführen, und spricht dabei mit Hochachtung von der wissenschaftlichen Leistung seiner Vorgänger.

Einen gewaltigen Zeitsprung weiter begab sich Stanislaw Swiridow mit seinen Gästen auf einen Spaziergang durch die Lastadie, den alten Hafenbezirk Königsbergs mit seinen Fachwerkspeichern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Angefangen von den frühesten existierenden Fotos mit der teilweise noch mittelalterlichen Bebauung entführte der studierte Philologe virtuell über mehrere Straßen und Ecken in das komplex-durchdachte System der Lagerung großer Mengen alles Möglichen einer alten Hansestadt. Zugvorrichtungen, Drehscheiben für Waggons und vor allem das erstaunliche Lüftungssystem der Speichergebäude waren zweckgerichtet installiert worden. Zahlreiche kleine Luken, die je nach Windrichtung und Wetterverhältnissen geöffnet oder geschlossen wurden, sorgten für Frischluft in den riesigen Lagern. Und dann gab es da noch eine Armee von Katzen, die jederzeit durch Katzenklappen in den massiven Toren Zugang zu den Speichern hatte und erbarmungslos auf Mäusejagd ging. Die Kaliningrader verehren die Nachfahren dieser bei Kriegsende zahlreich im Gebiet zurückgebliebenen Tiere mit den buschigen Schwänzen noch heute als „preußische Katzen“. Überall kann man sie als inoffizielles Wappentier auf Souvenirs oder Kleidungsstücken finden.

Einen weiteren Höhepunkt stellte zweifelsohne der Vortrag der aus Litauen angereisten Sammlerin und Expertin Olga Prokofjewa über die Geheimnisse der Damentoilette längst vergangener Zeiten dar. Wer schön sein will, muss leiden, lautete offenbar schon und vor allem damals die Maxime der Damenwelt. Korsett, Krinoline & Co. engten den weiblichen Körper unnatürlich ein und stellten nicht nur dadurch eine Gefahr für Leib und Leben dar. Nicht selten kam es auch vor, dass Damen mit Krinolinenröcken, bei denen bis zu 40 Meter Stoff verarbeitet wurden, durch Unachtsamkeit an einer Kerze oder Kaminen Feuer fingen und eines qualvollen Todes starben. So geschehen zum Beispiel bei den beiden Halbschwestern Oscar Wildes, Emily und Mary.

Aber auch die vorhergehende Damenmode im Stil fließender langer Kleider, die der Antike ähnelten, war der Gesundheit nicht zuträglich. Um die Figur zu betonen, wurden die Kleider in feuchtem Zustand angezogen, auch im Winter. Josephine de Beauharnais, die erste Ehefrau Napoleons, erkältete sich dabei zum Beispiel bei einem Spaziergang mit Alexander I. im Jahre 1814 so stark, dass sie kurze Zeit später verstarb.

Aktuell arbeiten die Bytschenkos an einem weiteren interessanten Projekt. In Kürze sollen in einem neuen Museum Leben und Wohnen der Kaliningrader in den 1960er bis 1980er Jahren anhand der Familie eines Kapitäns der Walfang- und später Fischfangflotte dargestellt werden. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

„Altes Haus“, ul. Krasnaja 11, Führungen Mo-Sa, 11, 13, 15 Uhr www.alteshaus.ru

Alexandra Jelitte




Devisenkurse: 01. 02. 2019
1 EUR = 75,1500 Rbl
1 US$ = 65,6600 Rbl
Quelle:Russ. Zentralbank