Impressionen
01. 02. 2019
Nachlese: Abschied von Kaliningrad
Die Berlinerin Alexandra Jelitte hat drei Monate in Kaliningrad verbracht und ihr Herz an diese „Stadt mit der doppelbödigen Geschichte“ verloren.

Die Autorin dieses Beitrags, Alexandra Jelitte, vor dem Kant-Grab an der Nordmauer des Königsberger Domes. Foto: A. J.
Die Monate seit Oktober 2018, als ich mit dem Direktbus aus Berlin nach 16 Stunden Fahrt am Busbahnhof Kaliningrad ankam und mein Praktikum beim „Königsberger Express“ antrat, sind wie im Fluge vergangen. Vieles habe ich seither in Kaliningrad und Umgebung gesehen und gelernt, interessante Menschen getroffen, Kontakte geknüpft. Besonders zum Jahresende hin gab es noch einmal viele kulturelle Höhepunkte zu genießen, bevor es wieder Richtung Heimat ging.

Da fand im Dezember zunächst das zweiwöchige 14. Filmfestival der Länder der Europäischen Union im Kinotheater „Sarja“ mit einem kompakten, breit aufgestellten Programm statt. Aus Deutschland wurde der Film „Warum sind Sie kreativ?“ von Hermann Vaske präsentiert, der das Ergebnis einer dreißigjährigen Befragung verschiedenster internationaler und nationaler Künstler, Politiker, Wissenschaftler, Sportler und anderer im Rampenlicht stehender Persönlichkeiten zusammenfasste. Allen stellte der Filmemacher dieselbe Frage, die gleichzeitig Titel seines Werkes ist. Und alle gaben sie bereitwillig Auskunft: David Bowie, Angelina Jolie, Stephen Hawking und viele andere mehr. Vaske war auch der einzige Filmschaffende, der persönlich und mit Unterstützung des Goethe-Institutes und des Deutschen Generalkonsulates in Kaliningrad zum Festival angereist war. Er verriet den Zuschauern dabei schon einmal, dass sein nächstes Filmprojekt die gegenteilige Frage behandeln werde – warum man nicht kreativ sei? Allerdings will er diesen Film wesentlich schneller abdrehen.

Mit Veranstaltungen für jeden Geschmack wartete das Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen in Kaliningrad zum Jahresende auf. Ein Highlight war dabei der festliche Empfang auf Einladung des Leiters des Zentrums Roman Hennig, zu dem unter anderem Vertreter des Außenministeriums der Russischen Föderation, des Ministeriums für kommunale Entwicklung und Innenpolitik, der Gebietsduma sowie des Deutschen Generalkonsulats erschienen waren. Am darauffolgenden Abend läutete die russlanddeutsche Jugend des Gebietes das bevorstehende Jahresende ein – gemeinsam mit Kathrin Kazimirek, Sprachassistentin beim Zentrum für deutsche Sprache Kaliningrad – Partner des Goethe-Institutes St. Petersburg, sowie Aneta Siemens, Projektmanagerin im Kultur- und Geschäftszentrum. Dafür hatten sich die beiden Organisatorinnen viele originelle Ideen einfallen lassen. Auf das Fest eingestimmt hatten sich die Jugendlichen vorab bereits beim wöchentlichen deutschen Sprachklub in der Pjotr-Tschaikowski-Bibliothek, den Kathrin Kazimirek seit fast zwei Jahren in Kaliningrad leitet.

Festlich mit Kaffee und Kuchen klang auch ein Tagesausflug eines Freizeitklubs unter dem Dach der Sergej-Snegow-Bibliothek in Kaliningrad nach Iljitschowo (ehemals Kelladen, ab 1938 Waldwinkel) aus. Inessa Natalitsch hat die dortige ehemalige ostpreußische Dorfschule, die auch noch in der ehemaligen Sowjetunion lange bestand und von den Kindern der Neusiedler besucht wurde, wieder aufgebaut. Das Haus, in dem ihre Mutter als Neulehrerin gearbeitet hatte, war nach Jahren des Leerstands verfallen. Mit großem persönlichem Engagement sanierte Frau Natalitsch gemeinsam mit ihrer Familie das marode Gebäude und trug außerdem aus beiden Epochen der Schule zahlreiche Dokumente und Exponate zusammen, so auch Schulbänke für ein komplettes Klassenzimmer. Sie eröffnete das private Museum „Alte deutsche Schule Waldwinkel“, das mittlerweile Besucher aus Nah und Fern anlockt und auch über einen wunderschönen Garten verfügt. Gern kommen auch ehemalige deutsche Schüler immer wieder zu Besuch und bringen originale Ausstellungsstücke aus ihrer Jugend mit. An diesem Sonntag war gerade ein Paket mit Griffeln aus der Vorkriegszeit aus Deutschland eingetroffen. Das Museum ist zu erreichen unter https://vk.com/museumwaldwinkel bzw. Telefon +7 921 262 9228.

Vor dem Besuch des Museums hatte die Reisegruppe in der Siedlung Sosnowka, ehem. Augstagirren, ab 1938 Groß Baum, gestoppt und war in der dortigen Schule Gast beim einzigen Zirkus-Kinderensemble des Gebietes, erklärte sein Leiter Oleg Hammer. Der ausgebildete Artist arbeitet schon seit 40 Jahren mit Kindern und Jugendlichen, und hat zahlreiche Preise errungen. Hammers Umzug in den 1990er Jahren ins Kaliningrader Gebiet war ein Glücksgriff für die Siedlung. Mittlerweile ist er zwar im Ruhestand, trainiert jedoch intensiv weiter mit den jungen Zirkusartisten. In seiner Freizeit fertigt er außerdem wunderschönen Schmuck und Holzschnitzereien.

An meinem letzten Abend in Kaliningrad traf ich mich im „Haus der Veteranen“, einer Wohnanlage für Senioren in der uliza Komsomolskaja, mit Nina Demeschewa, einer 95-jährigen agilen Dame, die noch wöchentlich in Schulen und Institutionen auftritt und über ihr Leben erzählt. Eigentlich wollte Frau Demeschewa Balletttänzerin werden und hatte auch schon die Zusage einer entsprechenden Schule, als der Zweite Weltkrieg ausbrach und ihre Pläne zunichte machte. Nach einem entsprechenden Lehrgang arbeitete sie als Sanitäterin an der Front, wurde jedoch bald aufgrund ihres musischen und tänzerischen Talentes für das Militärensemble der Roten Armee verpflichtet, wo sie auch ihren späteren Mann kennenlernte. Nina Demeschewa tanzte mit ihren Kameradinnen unter anderem auf den Stufen des Reichstages im Mai 1945 in Berlin. Nach dem Krieg siedelte sie mit ihrem Mann ins Kaliningrader Gebiet über und arbeitete weiterhin als Künstlerin für die Baltische Flotte.

Zum Abschluss meines Aufenthaltes in Kaliningrad besuchte ich die wenigen noch vorhandenen originalen Gebäude des ehemaligen Flughafens Devau, die von einem Sportfliegerverein betrieben werden. Für den 16.-18. August 2019 ist dort ein großes Fest zu Ehren des 100-jährigen Geburtstages von Devau, des ersten deutschen zivilen Verkehrsflughafens, geplant, zu dem man hofft, auch wieder deutsche Kleinflugzeuge mit ihren Piloten, wie vor einigen Jahren aus Kiel, begrüßen zu können. Aus einer vom Verein betriebenen Antonow An-2 sollen dann unter anderem Tandemsprünge angeboten werden.

Bei Interesse von Fliegern freut sich der Vereinsvorsitzende Oleg Urbanjuk über Kontaktaufnahme unter osurbanuk@mail.ru für die Hilfestellung bei entsprechenden behördlichen Genehmigungen. Für die Zukunft gibt es den Wunsch, das Flugfeld möglichst wieder uneingeschränkt für Vereinszwecke nutzen zu können. Bisher muss für Starts und Landungen auf einen Flugplatz ganz in der Nähe ausgewichen werden. Außerdem plant der Verein die Einrichtung eines Museums zur Geschichte von Devau.

Alexandra Jelitte, Berlin




Devisenkurse: 01. 04. 2019
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Quelle:Russ. Zentralbank