Soziales
30. 11. 2018
Warenkorb enthält weder Computer noch Handy
4,1 Prozent der Gebietsbewohner leben in Armut, ihr Einkommen erreicht nicht einmal das offiziell festgelegte Existenzminimum. Dies berichtet die Pressestelle der Gebietsregierung.

Kann man mit 10.000 Rubel Rente überleben? Typisch der Fall, wo man „zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Leben“ hat. Foto: I.S.
Einkommen unter Existenzminimum

Nach Meinung der Regierung könnten in ein paar Jahren sogar 13,2 Prozent der Menschen im Gebiet unter dem Existenzminimum leben. Letzteres übersteigt derzeit knapp den Stand von lediglich 10.000 Rubel (ca. 150 Euro). Für Rentner gilt sogar ein um 2.000 Rubel niedrigeres Existenzminimum – wohl weil ihre Bedürfnisse altersbedingt beschränkt seien, wie es in einer entsprechenden Erläuterung der Behörden hieß.

Das offiziell festgelegte Existenzminimum schließt die Nebenkosten, wie Wohnungsmiete, Fahrgeld, Besuch von Kultur-und Bildungseinrichtungen, Ausgaben beim Friseur etc., ein.

Ehrlich gesagt haben diese Kostenberechnungen mit der Realität wenig zu tun, weil die Preise steigen, auch die für Dienstleistungen und Medikamente, die gerade im fortgeschrittenen Alter von besonderer Bedeutung sind. Außerdem kann die Verpflegung unter den Bedingungen des Existenzminimums nur kärglich sein, die jährliche Ration beschränkt sich auf 200 Eier, 97 Kilogramm Gemüse, 23 kg Obst, 37,2 kg Fleisch, 16 kg Fisch, 133,7 kg Brot, 238,2 kg Milch und Milchwaren.

Die Regierungsbeamten behaupten nichtdestotrotz, dass das offizielle Existenzminimum zu hoch sei und man es weiter herabsetzen sollte.


Warum ist es so niedrig?

Auf diese Frage wird seit jeher eine Antwort gesucht. Journalisten und Abgeordnete der regionalen Legislative unternehmen bisweilen den Versuch, ob sie selbst im Rahmen des offiziell deklarierten Existenzminimums überleben könnten, und stellen dabei fest, dass dem nicht so ist.

Die zuständigen Entscheidungsträger verweisen jedoch auf die Methode, nach der sie das Existenzminimum berechnen. Diese sei angeblich wissenschaftlich begründet und habe sich seit Jahren bewährt. Die Zusammensetzung des Verbraucherkorbs sei optimal und außerdem seien dies alles nur ungefähre Richtwerte.

Wjatscheslaw Bobkow, Mitarbeiter des Instituts für sozialwirtschaftliche Probleme bei der Russischen Akademie der Wissenschaften, kommentiert die Sachlage wie folgt:

„Das Minimum orientiert sich in der Regel an Nahrungsmitteln der untersten Preisklasse. Viele der im Alltag notwendigen Waren werden dabei außer Acht gelassen. Der sogenannte repräsentative Warenkorb enthält beispielsweise weder Computer noch Mobiltelefone, ohne die man jedoch in der heutigen Welt kaum auskommen kann. Es ist höchste Zeit, in Betracht fallende Anhaltspunkte zu revidieren. In Wirklichkeit sollte das Existenzminimum etwa doppelt so hoch angesetzt werden.“


Auswüchse der Statistik

Der sogenannte Warenkorb hat mit der reellen Lage auf dem Verbrauchermarkt so gut wie nichts mehr zu tun. Verantwortlich dafür sind allem Anschein nach die Beamten des Amtes für Statistik.

Der repräsentative Warenkorb wird auf der Basis von Grundnahrungsmitteln wie Milch, Zucker und Mehl berechnet. Ähnliche Waren eines bestimmten Sortiments werden dabei mit Hilfe von Umrechnungsfaktoren einem Grundprodukt angeglichen. Sahne und Quark entsprechen beispielsweise einer bestimmten Menge Milch, verschiedene Graupen und Brot werden zu Mehl ins Verhältnis gesetzt und Bonbons zu Zucker.

Das ist jedoch eine Methode, die zu zahlreichen Unstimmigkeiten führt. Nachstehend werden nur einige Beispiele davon angeführt.

Ein Kilogramm Weizenmehl kostet nach Meinung des Amtes für Statistik 32 Rubel, alle Graupen und Hülsenfrüchte werden dem Grundprodukt Mehl durch den Faktor 1:1 angeglichen. Dabei kostet ein Kilo Buchweizen im Einzelhandel 47 Rubel, Erbsen und Bohnen 53 Rubel und Reis 63 Rubel. Es ist offensichtlich, dass diese Waren in Wirklichkeit fast doppelt so viel kosten wie Mehl.

Bei Bonbons ist der Unterschied noch größer. Sie werden, wie bereits beschrieben, mit Zucker ins Verhältnis gesetzt, und zwar mit Hilfe des Faktors 0,75. Das bedeutet, dass wenn ein Kilo Zucker 40 Rubel kostet, die gleiche Menge Bonbons im repräsentativen Warenkorb nach Meinung der Statistiker etwa 30 Rubel kosten soll. Dabei stellt das Amt in seiner wöchentlichen Warenpreisübersicht selbst fest, dass ein Kilo Bonbons der untersten Preisstufe im Einzelhandel nicht unter 300 Rubel kostet – das Zehnfache des für die Berechnung des Warenkorbs angenommenen Wertes!

Die angeführten Beispiele zeigen deutlich, dass es zwischen den tatsächlichen und den in den Köpfen der Statistiker imaginär existierenden Preisen eine riesige Kluft gibt. Warum sich die Beamten von falschen Vorstellungen leiten lassen, bleibt ein Rätsel, denn das Amt für Statistik erstellt jede Woche eine detaillierte Übersicht aller auf dem Verbrauchermarkt vorhandenen Waren – von Garnelen über Kakao bis zu Kaugummi. Wunschvorstellungen oder gar doppelte Buchhaltung sind in der offiziellen Statistik völlig fehl am Platze.




Devisenkurse: 30. 11. 2018
1 EUR = 75,7500 Rbl
1 US$ = 66,5300 Rbl
Quelle:Russ. Zentralbank