Kultur
30. 11. 2018
Völkerverständigung über gemeinsamen Tanz, Gesang und Kochkunst
Unsere freie Mitarbeiterin Alexandra Jelitte berichtet von ihren Eindrücken aus Kaliningrad und Umgebung.

Der Volksmund hat das kürzlich in der Pugatschowa-Straße eröffnete „Haus für internationale Zusammenarbeit“ umgehend in „Haus der Freundschaft“ umgetauft. Foto: Autorin
Kennengelernt hatte ich Alexandra Schlejkowa bei den Feierlichkeiten zum 20-jährigen Jubiläum der Autonomie der Russlanddeutschen Ende Oktober. Sie hatte sich dort mit ihrer glasklaren hohen Stimme zu Franz Schuberts „Leise flehen meine Lieder“ in die Herzen der Zuschauer gesungen. Seit zehn Jahren tourt die gelernte Englischlehrerin, die mittlerweile ihren Ruhestand genießt, durch das Kaliningrader Gebiet – als Solistin oder mit ihren Kollegen Wladislaw Lyssyj und Wladimir Petrenko des ukrainischen Ensembles „Switanok“. Alexandra singt dabei auf vierzehn Sprachen, ohne diese alle selbst zu sprechen, am liebsten auf Ukrainisch, da sie der ukrainischen Minderheit angehört.

Ein paar Tage später hatte mich das Ensemble auf die Eröffnung des „Hauses für internationale Zusammenarbeit“ in der Pugatschowa-Straße in Kaliningrad aufmerksam gemacht, das der Volksmund sofort in „Haus der Freundschaft“ umgetauft hatte. über 130 Nationalitäten und Ethnien gibt es im Kaliningrader Gebiet, daher ist es umso erfreulicher, dass ihnen nun nach fünfzehn Jahren Anlauf ein gemeinsamer Platz zur Verfügung steht, an dem sie sich treffen und proben können. Auch eine Bibliothek ergänzt das Angebot. Viele offizielle Vertreter von Stadt und Gebiet waren gekommen, um das Haus gemeinsam mit verschiedenen Volkskunstgruppen einzuweihen.

Am Tag darauf brach ich gemeinsam mit „Switanok“ zu einem Volksfestival der Dörfer und Siedlungen nach Uljanowo im Nemaner Stadtkreis auf. Für mich nach drei Wochen von insgesamt drei Monaten Praktikum beim „Königsberger Express“ gab es erstmals die Gelegenheit, während der zweistündigen Fahrt auch abseits der touristischen Routen ins Gebiet eintauchen zu können. Nach ca. 45 Minuten verließen wir die moderne neue Autobahn und kamen an Dörfern und Feldern, einigen wenigen Kuhherden, verlassenen Storchennestern, imposanten Burgruinen und einem Pferdegestüt vorbei, bevor wir das wunderschöne Tschernjachowsk (ehem. Insterburg) durchfuhren. Eine Stunde später erreichten wir Uljanowo, ehemals Kraupischken, aber auch Platzdorf bzw. Breitenstein genannt, nach einem breiten Steinungetüm, an dem einst auch Napoleon Rast gemacht hatte.

Im örtlichen Kulturhaus trafen gleichzeitig zahlreiche weitere Ensembles mit ihren Trachten, Instrumenten und leckeren Gerichten ein, denn auch auf kulinarischem Gebiet traten die Nationalitäten miteinander in Wettstreit. In einem separaten Raum wurden die Speisen aufgebaut und im Anschluss von einer Jury bewertet. Die Ukrainer teilten sich den Tisch mit den Belorussen, es gab unter anderem mit Zimt gewürzte Kürbisstückchen und Kürbisbrei. Aber auch Russen, Armenier, Aserbaidschaner, Jesiden und andere Völker präsentierten hier zunächst ihre Kochkünste, bevor auf der Bühne des vollbesetzten Kulturhauses die verschiedensten Volksweisen und Tänze farbenprächtig und stimmgewaltig dargeboten wurden.

Vorher hatte ich die Möglichkeit genutzt, mich von Juri Userzow, Direktor der Schule in Uljanowo sowie des darin befindlichen privaten Ostpreußenmuseums, durch seine seit 1981 aufgebaute Sammlung führen zu lassen. Kleidung, Alltagsgegenstände, Geschirr, Etiketten, Fotos aus allen Zeitepochen und vieles mehr bestaunen hier jährlich die Insassen zahlreicher Reisebusse aus aller Welt. Mit Hilfe des agilen Direktors haben sich schon so manche alten Freunde oder Familienmitglieder nach Jahrzehnten wiedergefunden, da dieser jede Information akribisch sammelt und auswertet. Die Siedlung ist stolz auf ihren Direktor und das Museum und Userzow selbst freut sich über jedes weitere neue Detail.

Für Sonntag, den Tag der Einheit des Volkes und Nationalfeiertag in Russland, hatten mich dann die Russlanddeutschen eingeladen, sie nach Sowjetsk (ehem. Tilsit) auf das Festival der nationalen Kulturen zu begleiten. Wir starteten frühmorgens in Kaliningrad in zwei Bussen mit zahlreichen Vertretern weiterer nationaler Minderheiten und trafen zwei Stunden später im modernen, zentral gelegenen Kulturhaus der Grenzstadt zu Litauen mit der berühmten Königin-Luise-Brücke ein. Auch hier begann der Wettbewerb zunächst kulinarisch, bevor im Anschluss zwei Stunden lang gesungen, getanzt und gespielt wurde. Die deutsche Minderheit wurde durch die „Bernsteinblumen“ präsentiert, eine seit zwanzig Jahren bestehende Tanzgruppe, erzählte mir Natalja Doroschewa vom Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen in Kaliningrad. Unter Leitung von Olga Schadrina tourt die zwölfköpfige Truppe regelmäßig durch das Gebiet sowie nach Polen und Deutschland.

Erschöpft durch die vielen Eindrücke an diesem Wochenende, aber sehr beeindruckt vom Konzept des Miteinanders der Nationalitäten im Kaliningrader Gebiet, bei dem großer Wert auch auf die aktive Einbindung junger Menschen gelegt wird, kehrte ich am Abend in die Stadt Kants zurück.

Alexandra Jelitte




Devisenkurse: 30. 11. 2018
1 EUR = 75,7500 Rbl
1 US$ = 66,5300 Rbl
Quelle:Russ. Zentralbank