Impressionen
07. 09. 2018
Königsberg - eine Stadt mit großer Geschichte und vielen Facetten
André Maßmann aus Deutschland hat zum ersten Mal Kaliningrad besucht und er möchte nun seine Eindrücke freundlicherweise den Lesern unserer Zeitung bzw. Webseite mitteilen.

André Maßmann vor dem Hotel „Kaiserhof“ im Stadtviertel Fischdorf. Foto: Autor
Königsberg für Anfänger

Es dauert 20 Kilometer, bis sich meine persönliche Vorstellung an der Wirklichkeit stößt. Es sind die 20 Kilometer im Taxi vom Flughafen bis zu den ersten Häusern Königsbergs. Denn da kommen Wohnhäuser in Sicht, meist mittlere Hochhäuser, an denen Ostseeluft und wenig Pflege deutlich genagt haben. Nur selten ist ein altes Haus zu sehen, selten ein historisches Gebäude. Das ändert sich auch nicht, als ich in der Nähe der früheren Kneiphof-Insel ankomme. Direkt gegenüber dem schönen, modernen Hotel „Kaiserhof“ blickt man auf einen 13-geschossigen Plattenbau mit deutlichen Spuren der vergangenen Jahrzehnte. Vom alten Königsberg scheint nicht viel stehengeblieben zu sein, ist mein erster Eindruck.

Das Kriegsende liegt lange zurück. Und vor genau 70 Jahren, im Sommer 1948, mussten die letzten deutschen Einwohner die Stadt verlassen. Man sieht sie zwar noch, die historischen Wurzeln Königsbergs, die im 13. Jahrhundert gelegt wurden. Doch heute zeigt Kaliningrad den Besuchern ein anderes, eigenständiges Gesicht: Um das alte Zent-rum hat sich eine Wohnstadt mit meist gleich aussehenden vielgeschossigen Mietshäusern entwickelt, und das neue Zent-rum findet man rund um die Erlöserkirche auf dem Siegesplatz. Die Kirche ist ein wunderschöner Bau mit bunten christlichen Bildern im Inneren, die viel über die Kraft der Religion ausdrücken. Auf dem großen Platz davor wirkt Kaliningrad mit dem Rathaus, einem schicken Einkaufszentrum und dem flotten Verkehr auf mich modern und großstädtisch.

Apropos Verkehr: Der zweite Eindruck nach dem starken Verschwinden der alten Bausubstanz ist die Verwunderung über die Automarken auf den Straßen. Denn während des ganzen Besuchs in Königsberg ist es mir nur zweimal gelungen, einen Lada zu entdecken. Russische Autos? Fehlanzeige. Man sieht Volkswagen, Audi, Mercedes und BMW neben japanischen und koreanischen Marken. Lieben die Königsberger Autofahrer die Modelle aus Deutschland und Japan so sehr? Ja, ist mein Eindruck – und offenbar können sie sie auch bezahlen. Und die Straßen sind fast überall sehr gut. Manche deutsche Stadt, zum Beispiel meine Heimatstadt Duisburg, könnte da neidisch werden.

Wer alte Modelle oder Fotos der Stadt betrachtet, dem fällt die Veränderung der Stadt seit Kriegsende 1945 besonders auf. So war die Kneiphof-Insel, altes Zentrum der Stadt, einmal dicht mit Häusern besetzt. Am Ufer standen große Speicher. Heute hat der Dom – sehr gepflegt und stark besucht – die ganze Insel für sich. Es gibt kein Haus mehr in der Nachbarschaft. Ein großer Pluspunkt für Königsberg-Besucher: Im Park erklären Schilder auch auf Deutsch die frühere Lage der Straßen und Gebäude. Dort finden sich heute Wege und Bäume.

Deshalb besuche ich das einst gehobene Viertel Amalienau. Denn mein Reiseführer betont, dass hier noch ein Gutteil des alten Königsberg bewahrt wurde. Zwischen der früheren Regenten-, Ziethen- oder Leostraße (Tschapajewa, Kommunalja und Engelsa) findet man sie wirklich noch, die alten großbürgerlichen Häuser und Villen des damaligen Geldadels. Mit Erkern und seitlichen Vorbauten in großen Gärten geben sie mir einen Eindruck vom Wohlstand der Königsberger Oberschicht. Dazwischen aber auch viele neue Häuser – einige mit moderner rechtwinkliger Architektur und nicht anders als in Düsseldorf oder Hamburg.

Gestärkt durch einen Becher Kwas für 20 Rubel, das sind etwa 30 Eurocent, gehe ich zum Nordbahnhof und mache mich auf den Weg nach Swetlogorsk, dem früheren Badeort Rauschen. Natürlich will ich auch die Ostseebäder und die berühmte Küste kennenlernen. Während der Fahrt in dem modernen Zug blättere ich den Restaurant-Führer für Königsberg durch, der den herrlichen Namen „Pumpernickel“(!), also Schwarzbrot, trägt. Nach 50 Minuten haben wir den schönen, bewaldeten Ort erreicht. Hier finde ich noch viele große Ferienhäuser und Villen im alten Stil. Die Hauptstraße ist gesäumt von Verkaufsständen und Buden, alles wird von Bernstein-Souvenirs beherrscht. Hier auf dem Land scheint die Veränderung nur in kleinen Schritten gekommen zu sein. Und der schöne Strand lässt sich entspannt genießen.

Welche Eindrücke sind noch geblieben? Auf jeden Fall der von dem ungleichen Paar des Hauses der Räte und der Grundmauern des alten Königsberger Schlosses nebeneinander, dann die modernen Restaurants an der Uferpromenade des Pregels. Die vielen Grünflächen. Oder manche ruhige Seitenstraße mit dem uralten Backstein-Pflaster. Der Schrecken im Lasch-Bunker von April 1945. Und die Sauberkeit in der Stadt. Aber auch die zurückhaltende Art vieler russischer Einwohner. Es fiel schwer, von ihnen eine Auskunft zu bekommen oder gar mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Das fand ich schade.

Königsberg hat einen neuen Charakter bekommen. Trotzdem bleibt es auch die Stadt Immanuel Kants und das vergangene Zentrum eines heute nicht mehr existierenden Ostpreußens. Nach dem Abheben vom Königsberger Flugplatz werfe ich meinen letzten Blick auf die Stadt.

André Maßmann




Devisenkurse: 31. 10. 2018
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Quelle:Russ. Zentralbank