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07. 09. 2018
„Bringt uns Offshore Wohlstand?“
Auf der Oktober-Insel in Kaliningrad wird ein Offshore-Finanzplatz gegründet. Das lässt bei vielen Kaliningradern Hoffnungen auf neuen wirtschaftlichen Aufschwung aufkommen.

Wird die Offshore-Idee in die Tat umgesetzt, sollen bald auf dieser noch fast leer stehenden Oktober-Insel zahlreiche Bürogebäude, Bankfilialen usw. entstehen. Foto: I.S.
Die Zeitung „Argumenty i Fakty“ hat die in der Überschrift angeführte Frage an zwei regionale Politiker gestellt: den regionalen Beauftragten zum Schutz der Unternehmerrechte, Georgij Dychanow, und den ehemaligen Vorsitzenden des Wirtschaftsausschusses in der Gebietsduma, Alexander Kusnezow.

Georgij Dychanow ist begeisterter Anhänger der Offshore-Idee. Den entsprechenden Regierungsbeschluss nennt er „epochemachend“:

„Es gab bisher in Russland keine Offshore-Finanzplätze. Es wird also unser erster Schritt in dieser Richtung sein. Und es ist vor allem die außenpolitische Situation, die uns jetzt diesen Schritt ermöglicht: Engelsächsische Geschäftskreise werden nicht müde, etliche noch vorhandene Offshore-Zonen aus Europa zu verdrängen. Eine Ausnahme sind nur einige Off-shore-Zonen mit Sitz in den USA und Großbritannien. Wir dürfen die Chance nicht verpassen, diese Situation zu unserem Vorteil zu nutzen. Warum sollen wir nicht auch von Steuerprivilegien, neuen Arbeitsplätzen und der Entwicklung von Digitaltechniken profitieren? Wie das praktisch zu machen ist? Ich stelle es mir so vor, dass auf der Oktoberinsel eine Art Kaliningrad-City entstehen soll und Investoren, die sich da offiziell würden eintragen lassen, in den Genuss von Steuer- und sonstigen Privilegien kommen würden. Das würde sie motivieren, Bürogebäude zu bauen, Versorgungs- und digitale Kommunikationsnetze zu verlegen und vieles andere zu tun, was der Stadt und der Region zum Vorteil gereichen würde. Die Bevölkerung würde von alledem auch profitieren: Es würden ja dadurch viele neue Arbeitsplätze und Infrastrukturobjekte entstehen.“

Alexander Kusnezow ist gegenüber der Offshore-Idee eher skeptisch eingestellt. Seine Bedenken bringt er wie folgt zum Ausdruck:

„Als der erste Bürgermeister unserer Stadt, Witalij Schipow, in die Medien die Idee lanciert hatte, in Kaliningrad eine Formel-1-Rennbahn zu bauen, wurde er von den meisten Politikern und Beamten nur spöttisch belächelt. Kaum jemand begriff damals, dass Schipow damit für unsere Stadt im In- und Ausland eine Riesenwerbung gemacht hatte. Kaliningrad kam dadurch in die Schlagzeilen der Weltmedien, es wurde weltweit bekannt und weckte das Interesse mancher unternehmungslustiger Inves-toren. All das lässt uns hoffen, dass die Stadt heute über ein Entwicklungspotenzial verfügt. Es ist jedoch sehr schwer zu sagen, welchen Lauf die praktische Umsetzung einer Offshore-Idee hier nehmen würde. Allein die Tatsache, dass dafür die Oktober-Insel gewählt wurde, stimmt skeptisch. Warum dann nicht gerade die Frische Nehrung oder sogar ein irgendwo einzeln stehendes Gebäude? Man wollte ja seinerzeit das Stadion für Fußballspiele der WM-2018 im Stadtzentrum auf dem Gelände des heutigen Baltika-Stadions aus dem Boden stampfen. Wieviel Mühe und überzeugungskraft hat es uns gekostet, dieses Bauvorhaben zu vereiteln!? Welche Unsummen haben wir dann in den Bau des WM-Stadion auf der Oktober-Insel investiert? Ich bete heute nur zu Gott, dass sich alle technischen Berechnungen, die die Bodenbeschaffenheit auf der Oktober-Insel und die Anzahl von Rammpfählen betreffen, als korrekt erweisen. Bei alledem ist natürlich die Aufmerksamkeit, die unserem Gebiet von seiten der Zentralregierung geschenkt wird, und die Bereitschaft, uns die Erprobung neuester Wirtschafts- und Verwaltungmodelle zu genehmigen, zu begrüßen.“

Zur Information: Unter dem Begriff Offshore-Zone oder Offshore-Finanzplatz („offshore“ heißt auf Englisch „fern der Küste“) versteht man einen Standort, der sich durch niedrige oder gar keine Steuern für juristische Personen einer bestimmten Art, durch ein vereinfachtes Eintragungsverfahren und ein hohes Maß an Vertraulichkeit und Geheimhaltung (keine Weitergabe von Informationen über Finanztransaktionen und Eigentumsverhältnisse) auszeichnet. In einer Off-shore-Zone in Russland würden sich juristische Personen aus 18 Ländern registrieren lassen können. Angeblich spielt auch der russische Aluminium-König Oleg Deripaska mit dem Gedanken, sein millionenschweres Geschäft hierher zu verlegen.




Devisenkurse: 07. 09. 2018
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Quelle:Russ. Zentralbank