Mensch und Natur
28. 04. 2018
Ostsee wich zurück und gab den Blick auf uralten Wald frei
Dieses Frühjahr hat den Bewohnern der an der Ostseeküste des Samlands gelegenen Ortschaften, Urlaubern und Touristen eine Sehenswürdigkeit beschert – die Überreste eines Urwalds, der sich normalerweise unter Wasser verbirgt und nicht zu sehen ist.

Die skurrilen Gebilde ziehen die Aufmerksamkeit von Ortsbewohnern, Touristen und Urlaubern auf sich. Foto: I.S.
Dass die grauschwarzen Baumstämme und -wurzeln nun beobachtet werden können, ist an sich keine Sensation, diese Naturerscheinung kommt hier nicht zum ersten Mal vor. Trotzdem zieht sie jedes Mal die Aufmerksamkeit von Menschen auf sich – umso mehr, dass die Ostsee Urlaubern und Touristen seit einiger Zeit nur ganz dünne Strände gönnt. Die Webseite www.newkaliningrad.ru versuchte in Erfahrung zu bringen, was den jeweiligen Verlauf der Wasserkante bestimmt.

Winde sind es, die den Verlauf der Wasserkante und die Breite der Strände maßgeblich beeinflussen. Meist sind es hier Westwinde, die das Meereswasser in Richtung Küste drücken. Manchmal aber wendet sich das Blatt und die schmalen Strände gewinnen plötzlich an Breite. So ist es beispielsweise 2009 gewesen, als sich bei Selenogradsk (ehem. Cranz) infolge starker ablandiger Winde ein 40 Meter breiter Strand bildete. Voriges Mal konnte man diese Naturerscheinung im Herbst 2016 beobachten, als die Wasserkante um 15 bis 20 Meter seewärts zurückgewichen und der Wasserpegel um 0,6 Meter gesunken war. Entlang der Küste der Frischen Nehrung hatten sich damals sogar mehrere kleine Inseln gebildet. Sie wurden aber wieder überflutet, sobald die Stärke des Ostwindes nachgelassen hatte.

In Selenogradsk bringt das Zurückweichen der Ostsee eine optische Attraktion mit sich: Man bekommt den sogenannten „uralten Wald“ zu sehen (manche Leute nennen ihn sogar einen „Reliktwald). Dort, wo die Kurische Nehrung ihren Anfang nimmt, kommen uralte Baumpfähle und Wurzeln zum Vorschein, die normalerwiese recht tief unter Wasser verborgen sind und für niemanden ein Problem darstellen. Sie sind die Reste eines uralten Waldes, den es hier vor langer Zeit an der Stelle einer im 8. bis 10. Jahrhundert n. Chr. bestehenden schiffbaren Meerenge gab. Die Zeitung „Wolna“ (Selenogradsk) schreibt, dass diese Meerenge damals den Namen Brockist trug, sie wurde mit der Zeit größtenteils von Sand übergeschüttet, während am anderen Ende der Kurischen Nehrung eine andere Meerenge entstand. Brockist wurde nach und nach zu einer mit Wald bewachsenen morastigen Gegend, die später wieder vom Meer „verschlungen“ wurde. Der Sand, der die Reste dieses alten Waldes bedeckt, wird bei starken Seestürmen von Strömungen mitgenommen und weggetragen und wenn dann die Ebbe kommt, ragen die überreste des Waldes aus dem Wasser hervor. „Wolna“ beruft sich auf Wissenschaftler, die meinen, dass die starken Wurzeln dieses uralten Waldes dem Abtragen des Sandes und somit der Verkürzung der Strände entgegenwirken. Deshalb sei es nicht sinnvoll und sogar schädlich, diese Wurzeln, Zweige und Pfähle zu roden.

Um den Strand vor Selenogradsk mit Sand auf natürliche Weise zu bereichern und breiter zu machen, hat man dort vor zwei Jahren dreizehn Buhnen (Wellenbrecher) erneuert. Der Strand westlich von Selenogradsk konnte dadurch im Durchschnitt von 0,5 auf 9,5 Meter und östlich der Stadt von ca. 8 auf 21 Meter verbreitert werden. So toll sieht es allerdings heutzutage nicht mehr aus, weil Herbst- und Winterstürme in der Ostsee inzwischen dafür gesorgt haben.

Die positiven Erfahrungen mit den Buhnen in Selenogradsk plant man sich nun auch in Swetlogorsk (ehem. Rauschen) zunutze zu machen. Vorher muss aber dort die Promenade fertig gebaut werden. Merkwürdig ist, dass die Bauarbeiten in Swetlogorsk nach Meinung der Wissenschaftler in umgekehrter Reihenfolge erfolgen sollten: Erst muss Sand angeschwemmt, dann die Küste durch den Bau von hydrotechnischen Anlagen befestigt und erst danach die Promenade gebaut werden.

Wie dem auch sei, uns bleibt in jedem Fall die Hoffnung, dass es einmal wieder ablandigen Wind gibt, der Strand „von alleine“ an Breite gewinnt und uns mit dem Anblick des „Reliktwaldes“ wieder einmal beglückt!




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Quelle:Russ. Zentralbank