Geschichte & Kultur
28. 04. 2018
Zar Peter der Erste und Königsberg
Dem Kaliningrader Historiker Gennadi Kretinin ist es gelungen, den zeitlichen Ablauf der dritten Reise von Zar Peter I. nach Königsberg mehr oder weniger vollständig zu rekonstruieren. Hier sein Bericht in etwas abgekürzter Form.

Das Denkmal für den russischen Zaren Peter I. in Baltijsk, dem Stützpunkt der russischen Kriegsmarine an der Ostsee. Foto: I.S.
Der russische Zar und Reformer Peter der Große hat Königsberg mehrmals besucht. Seinen ersten Besuch machte er im Bestand der sogenannten Großen Gesandtschaft im Jahr 1697. Das zweite Mal kam er nach Königsberg 1709 – kurz nachdem er die Schlacht gegen den schwedischen König bei Poltawa siegreich gewonnen hatte. Zwei Jahre später besuchte Peter die preußische Hauptstadt zum dritten Mal. Nachstehend wird etwas ausführlicher eben auf diesen dritten Besuch des großen russischen Zaren in Königsberg eingegangen.

Man schrieb das Jahr 1711, welches für das russische Zarenreich kein glückliches war. Im Juli gelang es den Türken, das russische Heer am Fluss Pruth einzukesseln. Die Lage war hoffnungslos und Russland musste einen Friedensvertrag unterzeichnen, nach dem die Festung Asow wieder an die Türkei fiel und die Mündungen der Flüsse Donau und Dnepr für Russen fortan unzugänglich wurden.

Zar Peter der Große befand sich nach diesem militärischen Debakel in einer so zerrütteten seelischen Verfassung, dass er sich nach Karlsbad begab, um sich das dortige „Heilwasser zunutze zu machen“. Der Weg nach Karlsbad und zurück verlief durch Ostpreußen.

Diese Reise des Zaren wurde von unseren einheimischen Historikern lange Zeit kaum beachtet. Erst in den letzten paar Jahren wurde sie zum Gegenstand einiger wissenschaftlicher Studien. Einem der Autoren, dem Kaliningrader Historiker Gennadi Kretinin, gelang es, den zeitlichen Ablauf der Reise mehr oder weniger vollständig wiederherzustellen.

Die Reise ging über Elbing, von wo Peter am 7. November mit Gemahlin Katharina I. und den Begleitpersonen an Bord von mehreren Segelschiffen über das Frische Haff in Richtung Pillau aufbrach. Wegen sehr starken Gegenwinds liefen die Schiffe erst am 8. November in den Hafen der Festung Pillau ein. Der Aufenthalt in Pillau war von kurzer Dauer: Die Reisenden nahmen die Gastfreundschaft eines Pillauer Zöllners in Anspruch, übernachteten bei ihm und setzten frühmorgens die Fahrt nach Königsberg fort.

In Königsberg wartete man schon auf die Ankunft des Zaren. Die russischen Segelschiffe wurden durch drei Kanonensalven aus der Festung Friedrichsburg und von den Stadtmauern begrüßt.

Ursprünglich war es geplant, die russischen Schiffe an der Krämerbrücke, unweit des Schlosses, anlegen zu lassen. Dort hatten sich der Herzog von Holstein, mehrere Regierungsräte, die Grafen von Dohna, von Dankow und von Schlieben sowie andere Königsberger Honoratioren zur Begrüßung der russischen Gäste versammelt.

Der Zar ließ jedoch seine Schiffe an der Grünen Brücke anlegen. Die Grüne Brücke verband die Insel Kneiphof mit den südlichen Vororten der Stadt. Sie hat übrigens später, im 20. Jahrhundert, den Zweiten Weltkrieg weitgehend unversehrt überstanden und wurde erst 1972 beim Bau der großen Autobrücke in Kaliningrad weggeräumt.

Es fragt sich natürlich, warum Peter gerade die Grüne Brücke als Anlegestelle für seine Schiffe gewählt hat? Wahrscheinlich weil sich damals unweit der Grünen Brücke das Haus des Königsberger Bürgermeisters Negelein befand. Zar Peter hatte bei Negelein bereits 1697 logiert, als dieser noch kein Bürgermeister gewesen war.

Während das Schiff mit dem Zaren an Bord zum Anlegen manövrierte und am Ufer des Pregelflusses festgemacht wurde, beeilten sich die Honoratioren Königsbergs das andere Ufer der Kneiphof-Insel zu erreichen. Im Unterschied zu den früheren Besuchen des Zaren in Königsberg waren diesmal keine Pferdegespanne zum Abholen der hochrangigen russischen Gäste bereitgestellt worden. Letztere mussten deshalb die Strecke bis zum Königlichen Schloss in Begleitung der Gastgeber zu Fuß zurücklegen – durch ein Spalier, das für sie die jubelnden Stadtbewohner gebildet hatten.

Im Speisesaal des Königlichen Schlosses waren für Peter und Katharina am festlich gedeckten Tisch zwei Sessel unter einem Baldachin bereitgestellt worden. Zar Peter nahm jedoch nicht unter dem Baldachin, sondern am gegenüberliegenden Ende des Tisches Platz – dort, wo die Sitze für die Gastgeber reserviert waren. Letztere ließen jedoch den russischen Gast gewähren – nach dem Motto, Seine Majestät wird es schon wissen, wo und wie man zu sitzen habe.

Was Katharina angeht, so war sie vom Schiff nicht an Land gegangen und blieb so dem Festessen im Schloss fern. Erst als es dunkel wurde, begab sie sich in das Haus von Bürgermeister Negelein, wo sich ihr der Gemahl gleich nach dem Festessen anschloss.

Am Tag danach, dem 10. November, nahm Peter zuallererst ein Bad, das er sich am Vorabend bestellt hatte. Nach dem Bade unternahm er einen Bootsauflug auf dem Pregel. Er erkundigte sich dabei bei Einheimischen, wie tief denn der Pregel hier sei. „Dreißig Fuß“, war die Antwort. „Schade, dass es nicht meine Stadt ist“, seufzte Peter. „Wäre sie meins, würde ich einen Militärhafen daraus machen“.

Zar Peter fuhr mit dem Boot flussaufwärts – bis zum sogenannten Litauer Baum (dieser hatte früher, im 16. Jahrhundert, als Baumsperre des Pregels an dessen Eintritt in das mittelalterliche Königsberg gedient). Peter besichtigte dort den Litauischen Schutzwall und ein Waisenhaus nebenan. Danach lief er die Straße wieder zum Fluß hinunter zu dem sogenannten Holländer Baum (früher auch eine Baumstammsperre), wo ein holländisches Schiff am Ufer vertäut lag. Peter stieg an Bord des Schiffes, sprach mit den Matrosen und begoss die neue Bekanntschaft mit einem Schluck guten französischen Weins. Danach trat Peter die Rückfahrt zu Negeleins Haus an.

Den Nachmittag desselben Tages widmete Peter der Besichtigung des Königlichen Schlosses mit dessen Moskowitersaal, der Kanzlei und dem Archiv. Einen großen Eindruck machte auf den Zaren die Königsberger Schlossbücherei. Sie setzte sich zu der Zeit aus ca. 9.000 Büchern und 516 Manuskripten zusammen. Peter schenkte eine besondere Aufmerksamkeit der Chronik von Radziwill, weil sie eine Kopie der Schriften des ersten russischen Chronisten Nestor beinhaltete. Er ordnete seiner Gefolgschaft an, einige Auszüge aus der Chronik abzuschreiben. Er machte aber auch gleich die Bestellung, für ihn eine Abschrift der Chronik anzufertigen, Diese kam 1713 in St. Petersburg an und wurde nach dem Ableben Peter des Großen in die Bibliothek der russischen Akademie der Wissenschaften übergeben. Die Wissenschaftler Pause, Bayer, Miller und Lomonossow konnten sich bei ihren Studien an die Chronik von Radsiwill wenden, Pause muss sie sogar ins Deutsche übersetzt haben.

In der späteren Zeit kam auch das Original der Chronik von Radsiwill in russischen Besitz. Wie genau das passiert war – darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen Historiker meinen, das könnte wohl 1761 passiert sein, als Königsberg eine Zeitlang von der russischen Krone regiert wurde. Die anderen neigen zu der Auffassung, dass es die Zarin Elisabeth war, die in den 1750er Jahren auf Bitte von Rasumowski, des damaligen Präsidenten der russischen Akademie der Wissenschaften, das Original der Chronik von Radsiwill nach Russland zu holen vermochte. Rasumowski hatte seine Bitte mit der Notwendigkeit begründet, Fehler bei der Auflage der Abschrift der Chronik, die seinerzeit Zar Peter anfertigen ließ, zu vermeiden. Das Original der Chronik sollte später zurückgeschickt werden, die Innen- und Außenpolitik Russlands erfuhr jedoch in den 1760er Jahren derart gravierende Veränderungen, dass das Original der Chronik von Radsiwill letztendlich in Russland geblieben war.

Nach der Besichtigung der Schlossbücherei war es an der Zeit, der Einladung des Herzogs von Holstein zu einem Ball zu folgen. Zarin Katharina geruhte zu dem Ball auch zu kommen. Nach Augenzeugenberichten gaben Katharina und Peter auf dem Parkett des Saales flotte polnische und englische Tänze zum Besten.

Die Entscheidung, aus Königsberg schon am Sonntag, dem 11. November abzureisen, wurde ganz spontan und für die Gastgeber völlig unerwartet getroffen. Diese schafften es deshalb nicht, die dazu erforderliche Anzahl von Pferden frühmorgens zu besorgen. Zar Peter widmete sich deshalb, bis es soweit war, der Erledigung einiger Staatsangelegenheiten und schrieb ein paar Briefe an andere Monarchen Europas. Da vor die Kutschen immer noch keine Pferde gespannt waren, unternahm Peter eine Wanderung zu Fuß durch Königsberg und besuchte einige Kirchen. Er kehrte auch noch in eine Weinschenke in der Langgasse ein und ließ es sich dort eine Zeitlang gut gehen.

Das Problem mit den Pferden für die Fortsetzung der Reise war inzwischen gelöst worden. Zar Peter bestieg mit Frau Katharina und der Gefolgschaft in vorzüglicher Stimmung die Kutschen und los ging es weiter in Richtung Memel.

Zum Andenken an diesen dritten Besuch von Zar Peter in Königsberg wurde am 10. November 2005 im Königstor eine Zeitkapsel mit dem Buch „Meine Traumstadt“ in Anwesenheit von zahlreichen Stadtbewohnern und geladenen Gästen der Stadt feierlich eingemauert. Auf den über einhundert Seiten dieses Buches ließen über 400 Menschen ihre Wünsche für die Stadt Kaliningrad stehen. Was genau sie da geschrieben hatten, wird die öffentlichkeit in zwölf Jahren, im 775. Gründungsjahr der Pregelstadt, erfahren können.

(Quelle: Zeitung „Pjatniza“, Nr. 211)




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Quelle:Russ. Zentralbank