Geschichte & Gegenwart
29. 12. 2017
Gegenwart und Vergangenheit sind untrennbar
Die Schule in Uljanowo bei Neman beherbergt ein Museum, welches Anfang der 1980er Jahre auf Initiative des Schulleiters Juri Userzow als Reaktion auf die Tabuisierung der Vorkriegsgeschichte dieses Ortes entstand.

Schulleiter und Heimatkundler Juri Userzow stellt sein Museum vor. Foto: I.M.
VOM DENKMAL BLIEB NUR EINE SKIZZE ZURÜCK

Im Zentrum der vor 665 Jahren gegründeten Siedlung, die heute Uljanowo heißt, ragt die Ruine einer alten deutschen Kirche in den Himmel. Es ist jedoch etwas anderes, was Uljanowo (ehem. Kraupischken) von anderen Ortschaften dieser Gegend unterscheidet: die Schule mit einem Heimatmuseum, welches Uljanowo und den Schulleiter Juri Userzow weit über die Grenzen des Kaliningrader Gebietes bekannt gemacht hat. Userzow schwärmt für Geschichte, diese Leidenschaft hat ihn 1981 bewogen, in seiner Schule ein für damalige Verhältnisse einzigartiges Heimatmuseum zu eröffnen. Die ausgestellten Zeitzeugnisse ziehen das Interesse der Gebietsbewohner und der Besucher aus anderen Regionen und Ländern auf sich.

Den Anstoß zur Gründung des Heimatmuseums gab eigentlich ein eher trauriges Ereignis: In Uljanowo war auf Anordnung des ersten Sekretärs des Nemaner Parteikomitees der Kommunistischen Partei ein Denkmal für Gefallene aus dem Ersten Weltkrieg abgerissen worden. Der Abriss erfolgte im Rahmen einer propagandistischen Kampagne, die Anfang der 1970er Jahre gegen alle im Gebiet gebliebenen deutschen Denkmäler aus der Zeit des Ersten Weltkrieges gerichtet war. Das Denkmal, welches in Uljanowo zum Opfer dieses ideologisch motivierten Bilderkampfes wurde, war seinerzeit von zwei namhaften Königsberger Künstlern – dem Architekten Friedrich Lahrs und dem Bildhauer Stanislaus Cauer – erschaffen worden. Im Sockel des gestürzten Denkmals wurde ein Schriftstück, eine Art Botschaft an die zukünftigen Generationen, entdeckt. Dieser Fund wurde zum ersten Ausstellungsstück im von Juri Userzow gegründeten Heimatmuseum.

Es sind leider so gut wie keine Fotos des abgerissenen Denkmals erhalten, lediglich eine Zeichnung, die Userzow selbst angefertigt hat. „1975 habe ich einen ganzen Monat darauf verwandt, anhand dieser Zeichnung ein Bild dieses Denkmals mit ölfarben zu malen“, erzählt Userzow und zeigt auf das Bild, das schön verglast und eingerahmt an der Wand des Heimatmuseums hängt.

Die Sammlung des Schulleiters wurde ständig mit Gegenständen bereichert, welche die Ortsbewohner freiwillig und auf eigene Initiative ins Museum brachten. Es gab darunter Sachen, die den ersten übersiedlern gehört hatten, wie Volkstrachten, Samowars, Hausrat, einfache Verbrauchsgegenstände und sogar Ikonen. Für Letztere bekam Userzow von der örtlichen Parteileitung wiederholt Abmahnungen. “Welch ein Glück, dass wir es damals nicht versäumt haben, die Erinnerungen unserer Kriegsveteranen und der ersten übersiedler für unser Museum schriftlich festzuhalten!“, freut sich heute Userzow.

GAGARINS BILD UND AUTOGRAMM

Auf ein Telegramm, das der erste Kosmonaut Juri Gagarin der Schule in Uljanowo schickte, sind die Ortsbewohner besonders stolz. „Es waren unsere Jungpioniere, die ihm mitteilten, dass sie ihre Freundschafstgruppe nach ihm benannt hatten. Stellen Sie es sich vor: Gagarin hat den Brief beantwortet und uns sogar ein Foto mit seinem Autogramm geschickt!“

VIER NAMEN DER ORTSCHAFT

Exponate aus der Vorkriegsgeschichte des Ortes nehmen in der Sammlung des Museums einen beachtlichen Platz ein. Kein Wunder eigentlich, denn es gab ja seinerzeit in Kraupischken ca. 50 Läden, sieben Gasthäuser, zwei Banken, zwei Krankenhäuser, zwei Schulen, 15 Gaststätten und Restaurants, einen Schlachthof und eine größere Autowerkstatt.

Während der Naziherrschaft wurde Kraupischken in Breitenstein umbenannt – altprussische Ortsbezeichnungen mussten im nördlichen Ostpreußen auf Hitlers Anordnung „eingedeutscht“ werden. Als es im August 1944 zu massiven Luftangriffen auf Königsberg und andere ostpreußische Städte kam, begannen die Einwohner den Ort zu verlassen, am 18. Januar 1945 gingen die letzten Breitensteiner weg.

„Ich sage allen Besuchern unseres Museums, dass Krieg das Schrecklichste ist, was Menschen widerfahren kann“, sagt Userzow. „Mein Vater musste nach dem Sieg über Deutschland auch noch den Krieg gegen Japan mitmachen. Als er dann im Dezember 1945 heimgekehrt war, fand er in seinem Heimatdorf bei Pensa nur noch die erblindete Mutter in der Ruine seines Elternhauses vor. Im ganzen Dorf gab es nur drei männliche Einwohner. Vater gehörte dann zu den ersten Neusiedlern in Ostpreußen, hier lernte er meine Mutter kennen. Man nannte den Ort erst in lautlicher Anlehnung an Kraupischen Krupinowka, 1947 wurde er jedoch in Uljanowo umbenannt.“

Menschen aus über 40 Ländern der Welt haben bereits das kleine Heimatmuseum in Uljanowo besucht. Kleine, von Juri Userzow zusammengestellte Wanderausstellungen der vorhandenen Museumssammlung wurden in diesem Jahr in Sowjetsk (ehem. Tilsit) und in Kaliningrad gezeigt.

Die Schule, in der das Heimatmuseum untergebracht ist, steht von so vielen Bäumen umgeben, dass man das alles mit einem botanischen Garten vergleichen kann. All diese Bäume wurden seinerzeit von Schülern und Schülerinnen gepflanzt. Schulleiter Userzow ist überzeugt: Wenn sich diese Mädchen und Jungen nicht weiter um die Entwicklung und Verschönerung ihres Heimatortes kümmern, werden sie alle ihn früh oder spät verlassen und so gut wie ganz vergessen.




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Quelle:Russ. Zentralbank