Stadt und Menschen
30. 11. 2017
„Ich lebe nach wie vor in Königsberg, obwohl in meinem Pass Kaliningrad als Wohnsitz steht“
Einer der einzigartigsten Künstler unserer Stadt, Viktor Rjabinin, gab der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ ein Interview.

Der Kaliningrader Künstler und gebürtige “Königsberger”, Viktor Rjabinin, im Kreis seiner Raritäten. Foto: I.S.
Einige nennen ihn einen Archäologen der bildenden Kunst, eine lebendige Metapher und sogar einen Andy Warhol aus Königsberg. Warum eigentlich aus Königsberg und nicht aus Kaliningrad? Er selbst findet dafür folgende Erklärung:

Viktor Rjabinin: In meinen Personalpapieren steht der 17. Dezember 1946 als Geburtsdatum. Meine Mutter sagte aber, ich wäre in Königsberg geboren. Ja, in Königsberg, in dem ich immer noch lebe. Meine Mutter war 1942 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden und lernte meinen Vater, einen Offizier der Roten Armee, bei Insterburg kennen. Beide wurden dann nach Königsberg versetzt und wohnten im Vorort Charlottenburg (heute Lermontowskij), wo ich das Licht der Welt erblickt habe. Wir wohnten dort in einem Einfamilienhaus, das einigen Anzeichen zufolge zuvor einem ranghohen Offizier der deutschen Luftwaffe gehört hatte.

Korr.: Ich sehe in Ihrem Atelier so viele Sachen aus alten Zeiten. Was hat Sie bewogen, sie zu sammeln?

Weil sie meine Geschichte sind, die Geschichte meiner Heimatstadt. Als Kind habe ich lauter Trümmer um mich herum gesehen und war in diesem Sinne quasi ein Kind der Ruinen. Im Steinschutt gefundene verrostete Pistolen, Karabiner und Handgranaten waren damals unsere Spielzeuge. Aus so was (Viktor zeigt auf eine Wand voller alter Emailleschilder) haben wir uns damals nichts gemacht. Wie auch aus zahlreichen leeren Bier- und Weinflaschen, die jetzt für gutes Geld in Antiquitätenhandlungen zum Kauf angeboten werden. Sie haben uns als Zielscheibe beim Schießen mit Steinschleudern gedient oder wir haben sie einfach so mit Steinen beworfen. Auch haben wir einander Schlachten – Straße gegen Straße – geliefert, bei denen wir auf unseren Köpfen deutsche Stahlhelme trugen. Alles, was seinerzeit zur Ausstattung der Sowjetarmee gehörte, wurde ja später vom Militär gesammelt und weggeräumt. Waffen aus sowjetischer Produktion haben wir so gut wie nie gesehen. Dafür kannten wir uns im Aufbau der deutschen MPi-38-40 bes-tens aus. Fast jeder unserer Jungs hatte damals einen Karabiner der Marke „Mauser 98K“ in seinem Besitz. Deutsches Schießpulver, von dem die Taschen meiner Kleidung voll waren, hatte mal von selbst gezündet. Die Folge davon war, dass ich 44 Tage in einem Krankenhaus verbringen musste. Die Spuren jener Brandwunden sind heute noch an meiner Haut zu sehen.

Man kennt Sie heute als Vertreter der urbanen Malerei, als Autor von einfachen Notizblockskizzen, aber auch form- und inhaltsreichen Kunstideen und Installationen, einige von denen Sie aus Alltagsgegenständen heutiger und ehemaliger Bewohner dieser Stadt zusammengesetzt haben. Wann kamen Sie auf die Idee, dass solche Gegenstände einen künstlerischen Wert haben?

Schön und kunstvoll gemustertes oder beschriftetes Geschirr hat mich schon immer, als ich noch Kind war, interessiert. Die meisten Menschen machten sich damals nichts daraus, bei mir begannen solche Sachen ein ästhetisches Interesse zu wecken. Handelte es sich dabei um einen heilen Gegenstand, beispielsweise um einen Teller, der nicht zerbrochen oder gesprungen war, so nahm ich ihn nach Hause mit.

Wo nehmen Sie solche alten Gegenstände heute her? Kommt es vor, dass Sie ab und zu selbst etwas finden?

Ich erhalte solche Sachen von fremden Leuten, von Bekannten und von meinen Schülern einfach so geschenkt. Man bringt sie mir, weil man weiß, dass bei mir kein Bruchstück und keine Scherbe verlorengehen würden.

Wann kamen Sie auf die Idee, solche Bruchstücke bzw. Scherben als Material für Ihre Kunst zu verwenden?

Meine Träume sind oft von Kindheitserlebnissen geprägt: ich sehe darin Häuserruinen, Trümmerhaufen, dunkle Keller und vom Brand gezeichnete, rußbeschmutzte Kinderspielzeuge wieder. Solche Bilder haben sich in meinem Bewusstsein angehäuft, sich zu einem kunterbunten Haufen vermengt und mich schließlich auf die Idee gebracht, sie in Form eines Kunstwerkes festzuhalten. So entstand die Serie „Königsberger Ruinen“, darunter auch „E.T.A.Hofmanns Erinnerungsphantasie“ mit Kater Murr vor dem Hintergrund des zestörten Königsberg, oder das Bild „Mein Haus ist meine Burg“, wo ich mich als kleinen Jungen neben meiner Schwester auf einem Schemel sitzend vor dem Hintergrund einer Ruine dargestellt habe. Es ist bemerkenswert, dass sich einige Deutsche auf diesem Bild wiederzuerkennen glauben. Das Bild zeigt mich ja als einen ordentlich gekleideten Jungen, mit Krawatte und sogar mit einer Uhr. Kein Wunder eigentlich, denn selbst mein Kinderwagen war damals eine Art Kriegsbeute. Sachen russischen Ursprungs habe ich so gut wie keine gehabt, nur solche Lieder und Märchen gehört.



Jahre vergingen, ehe Viktor Rjabinin für sich die Welt der russischen Kultur entdeckte und sie sich zu eigen machte. Er wirkt heute als ein durch und durch russischer Künstler. Die Erinnerung an Königsberg lässt ihn jedoch nicht los und sie zieht sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Schaffen hindurch. Sehr einducksvoll sind Installationen aus Gegenständen, die für den Alltag in Kaliningrad und Königsberg typisch waren.




Devisenkurse: 30. 11. 2017
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Quelle:Russ. Zentralbank