Kontroversen
31. 08. 2017
Retro-Stilisierung statt richtiger Sanierung
Das Vorhaben der Stadtverwaltung, weitere zwölf Wohnblocks in der Hauptstraße Kaliningrads im Hinblick auf die Fußball-WM zu erneuern, stieß plötzlich auf Proteste der Einwohner dieser Häuser. Was steckt hinter dem Konflikt – mit dieser Frage setzt sich die Zeitung „Argumenty i Fakty“ auseinander.

Die Einwohner dieses Hauses am Leninskij Prospekt lehnen dessen äußere Stilisierung ab. Foto: I.S.
Am Wohnblock Nr. 35-37 am Leninskij Prospekt sind keine Anzeichen einer begonnenen oder baldigen Erneuerung zu sehen – weil sich 95 Prozent seiner Einwohner gegen das Bauvorhaben der Stadtverwaltung ausgesprochen haben. „Es handelt sich ja nicht um eine richtige Sanierung, sondern lediglich um eine Fassadenverschönerung“, sagen sie. „Außerdem wollen wir nicht, dass auf das oberste Stockwerk unseres Hauses noch etwas darauf gebaut wird. Das Fundament ist über fünfzig Jahre alt, es könnte dem nicht standhalten.“

Ähnlich verhält es sich mit dem langgestreckten, mit einer bogenförmigen Durchfahrt versehenen Wohnhaus Nr. 39-41 am Leninskij Prospekt. Seine Bewohner versperrten dem angerückten Bautrupp den Weg und hinderten ihn daran, das Baugerüst aufzustellen. Dabei hatten sie sich ja mit der Erneuerung in einer zuvor stattgefundenen Versammlung einverstanden erklärt. Nun aber haben sie Bedenken, weil ihnen bekannt wurde, dass das Dach des Hauses laut Erneuerungsplan höher gemacht und mit keramischen Dachpfannen bedeckt werden soll. Diese seien aber um das Vielfache schwerer als jene, mit denen das Haus jetzt bedeckt ist. Was wird, wenn das Haus danach einstürzt? Die gleichen Bedenken gegen die geplante Erneuerung haben auch die Bewohner des Hauses Nr. 20-26 am Leninskij Prospekt.

Sie sind nahe dran, das Protokoll ihrer eigenen Versammlung zum Thema Renovierung zu widerrufen.

Die Behörden versuchen mit den „aufmüpfigen“ Einwohnern eine Einigung zu erzielen. Schaffen sie es nicht, droht ihr Plan, das Stadtbild entlang der für die WM-Teilnehmer vorgesehenen Flanierroute zu verschönern, große Einbußen zu erleiden. Ein Sprecher des Kaliningrader Instandsetzungsfonds sagte kürzlich, die Gebäude am Leninsky Prospekt wären durch Spezialisten des Moskauer Architekturinstitutes MARCHI „visuell begutachtet“ worden, bevor man an die Erstellung der Erneuerungspläne ging. Die Gutachter hätten an den Häusern keine Problemfälle entdecken können. Was heißt aber in diesem Fall „visuell begutachtet“? Ob man sich auf die Ergebnisse eines solchen Gutachtens verlassen kann?

„Die Einwohner haben Recht“, sagte Sergej Scherstjuk, der Kovorsitzende des Rates für die Reformierung der Kommunalwirtschaft im Gebiet. „Diese Häuser sind seit ihrer Fertigstellung kein einziges Mal erneuert geschweige denn saniert worden. Als Erstes soll da für die Entwässerung und Befestigung des Fundamentes gesorgt werden. Wasser-, Gas- und Stromleitungen sollen aufs neue verlegt werden. Wenn man aber drinnen alles beim alten lässt und das Haus nur von außen etwas besser aussehen lässt, dann werden die Wohnverhältnisse im Haus denen in einer Thermosflasche ähneln.“

Die Wohnhäuser haben nämlich eine überalterte Heizung ohne Thermoregler, sodass die Bewohner die Lufttemperatur in ihren Wohnungen selbst nicht regeln können. Eine richtige Generalinstandsetzung dieser Gebäude soll laut Plan erst 2034 bis 2036 erfolgen.

„Diese Häuser sind wie eine Dame, die sich gepudert und geschminkt, die Zähne aber nicht geputzt hat“, sagte der renommierte Fachmann der russischen Bauindustrie, Alexander Iljin, der Zeitung „Argumenty i Fakty“. „Wenn`s nach mir ginge, so würde ich lieber weniger Geld für die Verschönerung der Fassaden, dafür aber mehr Geld für die Erneuerung der inneren Infrastruktur dieser Häuser ausgeben.“

Auf der Insel Oktjabrskij, wo das WM-Stadion errichtet wird, sollen mehrere Wohnblocks ebenfalls erneuert werden. Die Häuser Nr. 4 und Nr. 6 in der Karbyschewa-Straße sind seit Juli in Arbeit. Auf der Stirnseite des Hauses Nr. 6 lassen sich schon die Umrisse eines riesigen Fußballers erkennen.




Devisenkurse: 29. 09. 2017
1 EUR = 68,4500 Rbl
1 US$ = 58,0200 Rbl
Quelle:Russ. Zentralbank