Stadt und Menschen
01. 07. 2017
Meine Kindheit in Königsberg
Der gebürtige Königsberger Hans-Dieter Kellmereit beschreibt in seinen Kindheitserinnerungen nichts Außergewöhnliches. Gerade das verleiht ihnen Glaubwürdigkeit und Charme.

Mit den Großeltern in Königsberg. Dazwischen ist Gisela aus der Nachbarschaft. Der kleine Hans-Dieter (zw. von l.) hat den „Russen- oder Kosakenkittel“ an − so nannte seine Mutter den von ihr selbst geschneiderten Anzug. Foto: Autor
Vorwort der KE-Redaktion: Denkt man an seine Kindheit zurück, so wird einem fast immer warm ums Herz. Es ist so, als ob damals der Himmel besonders hell und blau, die Wiesen leuchtend grün und der Sonnenschein einmalig schön und fröhlich wären. In den Kindheitserinnerungen unseres Lesers Hans-Dieter Kellmereit ist jedoch auch eine bittere Note zu spüren: Wie wenn man damals schon eine nahenden Katastrophe ahnen konnte. In der Tat, einige Jahre später brach der schrecklichste aller Kriege aus und fegte die Familienydille der Kellmereits und Tausender anderer Menschen auf der Welt in den Abgrund.


Meine Kindheit in Königsberg

Königsberg, der Geburtsort meines Vaters und der Großmutter, wurde unser neuer Wohnsitz. Am Pregel, etwa 1.000 Meter vom Schloss entfernt, in der Lehrsstraße 4, wurde im Hochparterre eine Wohnung bezogen, von der aus man im Osten die Sonne und den Mond über dem Pregel (nach Pregola, dem alten Pruzzengott des Wassers) aufsteigen sah.

Nach Süden hinter dem Fluss erblickte man Kohlenlager, an denen Überseeschiffe gelöscht wurden und dahinter die Kreuzkirche mit den beiden trutzigen Türmen. Im Westen schließlich konnte man hinter dem Dom auf dem Kneiphof, einer vom Alten und dem Neuen Pregel umschlossenen Insel, schöne Sonnenuntergänge beobachten.

Zur Wohnung gehörte auch ein kleiner Garten, zwischen dem Haus und dem Bollwerk gelegen. Auf der Wasserseite des Gartens schützte uns Kinder ein Maschendrahtzaun, der auch den Nachbarsgarten markierte.

Mitte 1937 etwa kletterte ich in der Küche auf den Küchenschrank, wo ich mich zunächst am Zucker labte, während meine Mutter mit dem Rücken zu mir am Herd stand. Bis, ja bis ich brüllend vom Schrank (oder Stuhl?) fiel. Ich hatte eine Flasche Essigessenz gefunden, diese geöffnet und einen Schluck aus der Pulle genommen. Mutter schüttete sofort Milch in mich hinein und rannte mit wehender Küchenschürze zum nächsten Arzt, zum Elisabeth-Krankenhaus, etwa 500 Meter von der Wohnung entfernt. Dort wurde mir gleich der Magen ausgepumpt, doch Narben im Rachen und eine Verengung der Speiseröhre blieben von der Verätzung. Diese spürte ich manchmal noch nach gut 60 Jahren.

Das Glück der Eltern war vollkommen, als ich einen Bruder Horst zur Verstärkung bekam. Seine Taufe fand am 13. Februar 1938 in der Sackheimer Kirche statt, also nur etwa 250 Meter von unserer Wohnung entfernt. Rauhe Zeiten brachen an, als Horst laufen konnte. Nach übereinstimmenden Berichten von alten Königsberger Freunden unserer Eltern müssen wir beide richtige Rowdys gewesen sein. Eine Gardine zum Klettern soll vor uns sicher gewesen sein – aber die Sorgen vor allem für unsere arme Mutter sollten noch viel größer werden. Sie, die nie schwimmen gelernt hat, hatte nun tiefes Wasser vor den Fenstern, auf dem reger Schiffsverkehr herrschte. Und wir mittenmang... Wir spielten natürlich oft im Garten während Mutti den Haushalt machte, sie konnte uns jederzeit von oben sehen.

Doch wenn auf einem Schiff Signal zum Öffnen der Klappbrücke („Holzbrücke”) mit der Dampfpfeife oder dem Horn gegeben wurde, fand das genau vor unserem Hause statt. Und davor hatte ich Angst! Ich kroch unter den Gartentisch in der „Bohnen-Laube” und rief: „Toos schiff tommt, toos schiff tommt!” Eine entsprechende Aufnahme davon existiert leider nicht mehr.

Ich konnte kaum sprechen, war aber schon ganz gut zu Fuß. So beschloss ich einige Male, Oma und Opa zu besuchen. Mit Fußbank und einem Sofakissen machte ich mich heimlich auf den Weg und wurde schließlich irgendwo in Königsberg auf einer Polizeiwache abgegeben.

Einmal allerdings, und an diesen Vorfall kann ich mich sehr gut erinnern, es muss im Sommer 1939 gewesen sein, riß ich mich in einer kleinen Einkauf-Passage am Kaiser-Wilhelm-Platz los. Unsere Mutter konnte mir wegen der Sportkarre, in der mein zweijähriger Bruder Horst saß, nicht folgen. Schnell war ich im Menschengewühl verschwunden, rannte zur nächsten Haltestelle der Straßenbahn zu und wollte zu Oma fahren, leider fuhr der Wagen in eine andere Richtung und ich landete an irgendeiner Endhaltestelle wieder einmal bei der Polizei. Dort verdrückte ich das Wurstbrot eines Beamten und gab bei der Befragung nach meiner Adresse an: Leerslaß vier.

Durch meine früheren Eskapaden war ich wohl schon polizeibekannt, denn mein Großvater holte mich bereits nach wenigen Stunden dort wieder ab. Eine logistische Meisterleistung, denn weder wir noch die Großeltern hatten privat ein Telefon...

Hans-Dieter Kellmereit, Lilienthal







Devisenkurse: 01. 07. 2017
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Quelle:Russ. Zentralbank