Geschichte & Kultur
01. 07. 2017
Eine Stimme gegen Unrecht und Gewalt
Als Anfang der 1990er Jahre die Deutschen ins Kaliningrader Gebiet reisen konnten, kehrten auch die Werke des Dichters Ernst Wiechert (1887-1950) an dessen alte Wirkungsstätte in Königsberg zurück.

Bei der Präsentation der russischen Übersetzung von Wiecherts Werken in der wissenschaftlichen Gebietsbibliothek. Links: Prof. Wladimir Gilmanow. Foto: privat
Am 18. Mai 1887 wurde er in Kleinort im Kreis Sensburg, heute Magrowo, als Sohn eines Försters geboren und wuchs „in den Wäldern“ auf, wie er in seinem autobiographischen Werk „Wälder und Menschen“ beschreibt. Aber in Königsberg besuchte er die Königliche Oberrealschule auf der Burg, legte dort 1905 das Abitur ab, studierte an der Albertina, nahm am 1. Weltkrieg teil und unterrichtete danach zehn Jahre bis 1929 am Hufengymnasium am Tiergarten, das damals neu gegründet war.

Das Gebäude überstand den Bombenangriff 1944, wurde zu einem College für Bauwesen, und in dem großen Erweiterungsbau fand sich auch Platz für ein professionell eingerichtetes Wiechert-Museum. Die Besucher können auch heute noch das Treppenhaus begehen, in dem Wiechert die Schüler beaufsichtigte, und die Aula besichtigen, in der er 1929 seine berühmte „Abschiedsrede an die Abiturienten“ hielt.

Ja, Ernst Wiechert ist schon lange nach Königsberg/Kaliningrad zurückgekehrt. 1989 wurde die „Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft“ (IEWG) in Duisburg gegründet, gleich gab es eine sehr aktive russische Sektion der IEWG, die 1993 einen Gedenkstein vor dem Gebäude des früheren Hufengymnasiums aufstellte.

An der feierlichen Einweihung durch den Vorsitzenden Sem Simkin und seine Stellvertreterin Lidia Natjagan nahmen viele Persönlichkeiten aus dem Kaliningrader Kulturleben teil. Große Feierlichkeiten zu seinem Geburtstag und Todestag wurden in den folgenden Jahren von russischen und deutschen Wiechert-Freunden gemeinsam begangen.

Inzwischen ist sein Werk auch den russischen Lesern zugänglich gemacht worden. Lidia Natjagan hat seine autobiographischen Schriften „Wälder und Menschen“ und „Jahre und Zeiten“ ins Russische übersetzt, und 2014 wurde im Deutsch-Russischen Haus ein Band mit dem Titel „Ostpreußen im Werk Ernst Wiecherts“ vorgestellt. Die heutigen russischen Bewohner können durch die Übersetzung von Lidia Natjagan in ihrer Muttersprache nachlesen, wie Wiechert seine und ihre Heimat beschrieb.

Ernst Wiechert verließ Königsberg 1930, lebte und unterrichtete drei Jahre lang in Berlin und zog dann nach Wolfratshausen bei München, wo er den „Hof Gagert“ erbaut hatte. Er war ein international anerkannter Schriftsteller geworden, den die NS-Regierung gerne für sich vereinnahmt hätte, denn seine Romane und Novellen spielen in einem ländlichen und naturbelassenen Raum, der zur „Blut- und Boden-Literatur“ passte. Aber Ernst Wiechert hatte die Ungerechtigkeit und Menschenverachtung des NS-Regimes erkannt, hatte 1933 und 1935 in München Reden an die Studenten gehalten und darin zum geistigen Widerstand aufgerufen.

Die Machthaber beobachteten ihn und fanden 1938 einen Vorwand zu seiner Verhaftung, als er gegen die widerrechtliche Einweisung von Pfarrer Martin Niemöller in ein Konzentrationslager protestierte. Wiechert verbrachte die Monate von Mai bis August 1938 in Gefangenschaft und war von Anfang Juli bis Ende August im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Nach seiner Entlassung stand er bis 1945 unter Gestapo-Aufsicht. Über den Aufenthalt im Lager schrieb er 1939 den Bericht „Der Totenwald“, der seit 1945 in mehreren Sprachen erschienen ist.

Nun liegt er auch in russischer Sprache vor. Lidia Natjagan hat unter großer psychischer Belastung diesen authentischen Bericht über ein unmenschliches Regime übersetzt, ebenso Wiecherts politische Reden von 1933, 1935 und 1945, und so entstand der Band „Ernst Wiechert - ein Dichter des Widerstandes im Dritten Reich“. Prof. Dr. Wladimir Gilmanow hat ein Nachwort geschrieben, in dem er der Frage nachgeht, ob es nach dieser teuflischen Perversion des uralten Lebenssymboles „Baum“ und „Wald“ in eine Stätte des Todes noch eine Hoffnung geben kann und ob der Abschiedsgruß „Mit Gott!“ wie bei Dostojewskij noch möglich sei.

Genau zum 130. Geburtstag von Ernst Wiechert am 18. Mai 2017 wurde der neue Band ausgeliefert und in der Bibliothek Tschechov vorgestellt. Eine Woche später erfolgte eine weitere Präsentation in der Kaliningrader wissenschaftlichen Bibliothek durch die Vermittlung von Prof. Gilmanow. Da war auch das Hufengymnasium vertreten durch den früheren Schüler Konrad Behrend, der, obwohl ein Senior von 86 Jahren, aus Berlin angereist war und Wiechert als Pädagogen vorstellte, der seine Schüler bereits in der Rede von 1929 dazu aufgefordert hatte, für Menschlichkeit und Nächstenliebe einzutreten.

Das sehr bewegte und interessierte Publikum bestätigte den Wiechert-Freunden, dass ihre Bemühungen sinnvoll waren. Der Dichter lehrt Mut und Hoffnung.

Dr. Bärbel Beutner, Unna





Devisenkurse: 01. 07. 2017
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Quelle:Russ. Zentralbank