Städtebau
01. 07. 2017
„Historisch interessante Dinge sollten in den Händen der Öffentlichkeit bleiben“
Christof Ringler, ein Wiener Architekt, verfolgt seit Jahren das Baugeschehen in Kaliningrad und Umgebung. Was er darüber denkt, wird für viele unserer Leser sicherlich von Interesse sein.

Der Königsberger Dom und das Haus der Räte sind zwei konkurrierende Dominanten im Stadtbild Kaliningrads. Das Haus der Räte ist mit seinen 71,6 Metern vom Boden bis zum Dach der höchste Bau in der Pregelstadt. Foto: I.S.
Ich habe die Neuigkeiten betreffend die Stadt und das Gebiet angesehen (Ausgabe Juni 2017) und möchte dazu folgendes sagen:

Mit der Meinung des Redakteurs der “Komsomolskaja Prawda”, Aleksej Denisenkow, betreffend den Beschluss des Gebietsoberhaupts Alichanow, jegliche Wiederaufbautätigkeit hinsichtlich des Schlosses zu unterlassen und nur den Klotz des Hauses der Räte wiederzubeleben, bin ich sehr einverstanden.

Was mich immer wundert, ist die offenbar fehlende Durchrechnung von Kosten der Errichtung und des Betreibens einer Investition nach einer entsprechenden Planung und Abwägung von Varianten und Risiken. Es scheint, als würden Entscheidungen von höchster Stelle im Alleingang getroffen.

Wieviel Geld auf diese Weise “verbraten” bzw. zum Fenster hinausgeschmissen wird, sieht man am Atomkraftwerksbau bei Ragnit, aber auch an den Bauten zur Küstensicherung: Teure Promenaden brechen wieder zusammen, weil man die seit altersher bekannten Methoden zur Strandsicherung (Buhnen) unterlassen hat. Zuerst sollte ein (leider kostspieliges, aber dafür nachhaltiges!) Sichern der “Fundamente”, also der Stabilisierung de Küste (oder des Baugrundes – siehe Dom Sowjetow) in die Wege geleitet werden, dann kann man sicher sein, dass auch die folgenden Investitionen nicht vergeblich sind. Ich habe an der Ostsee (Usedom) großangelegte Neu-Bepflanzungen von Dünen gesehen (Buhnen sowieso), die helfen, den Tourismus zu sichern.

Apropos Tourismus: was ist das für ein groteskes Wort: „militär-historischer Tourismus”, der für die Sanierung des Deutschordensschlosses in Bagrationowsk/Preußisch Eylau durch einen privaten Investor als Begründung dient? Ich meine, es gibt sowas in Südtirol an der Dolomitenfront des 1. Weltkriegs, oder an der Küste der Normandie, wo man die Bunkeranlagen besichtigen kann, die die Invasion des Jahres 1944 verhindern hätten sollen; aber ein Deutschordensschloss als Ziel für militärhistorischen Tourismus?

Und ganz allgemein scheint mir die Methode, „einen Dummen” zu finden, der mit seinem privaten Geld jahrelang vernachlässigtes Kulturgut/Denkmäler sanieren soll und ein bisschen neuzeitliche Architektur dazustellen darf, um Gäste anzulocken. Doch etwas zu kurz gedacht: Wirklich historisch interessante Dinge sollten in den Händen der Öffentlichkeit bleiben, sie sollte dafür auch das Geld locker machen: Über die dadurch geschaffenen Reize für private Investoren, eine entsprechende touristische Infrastruktur dazuzubauen, könnte ja wieder das staatlich lockergemachte Geld über Steuern, Arbeitsplätze etc. hereinkommen. Ansonsten bleibt das Kulturgut den Launen der Privaten oder der Bestechlichkeit jener ausgeliefert, die eigentlich für den Erhalt zuständig sind.

Nun bitte ich, mich nicht als Großmaul zu verdammen – ich weiß natürlich, dass ich (fern jeder Verantwortung) leicht “große Sprüche klopfen” kann. Aber sehen Sie meinen Leserbeitrag als Kommentar eines Besuchers an, der kürzlich im Gebiet (und an der Küste bei Selenogradsk) war und neben viel Neubauaktivität auch die Vernachlässigung der historischen Bauten und das Fehlen einer ästhetisch und baukulturell versierten Führungsschicht im Gebiet feststellen musste: Ödnis in den (unverkäuflichen) „Einfamilien-Wüsten“ vor Cranz/Selenogradsk, oder – neben den max. ca. 3-geschossigen historischen Bauten – die vielgeschossigen Wohnsilos (mit ein paar lächerlichen Giebel-Verzierungen), die sich in die Küstenwälder von Cranz „fressen”.

Die Schaffung eines Künstler-Zentrums in der Dachzone der Defensionskaserne Kronprinz konnten wir besichtigen – sehr hübsch, aber der gesamte Bau bräuchte eine grundlegende Renovierung und Neunutzung.

Christof Ringler, Wien




Devisenkurse: 31. 08. 2017
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Quelle:Russ. Zentralbank