Kultur
01. 06. 2017
„Es geschah im Pionierlager“
Eine Gruppe Kaliningrader Studenten hat vor ein paar Jahren das Kammertheater „Tretij Etasch“ gegründet. Dieses wird gern besucht und blickt bereits auf eine Reihe von recht erfolgreichen Gastspielen im In- und Ausland zurück.
1995 wurde die Theatergruppe Tretij Etasch (dt. Dritte Etage) an der Kaliningrader Universität gegründet. Seit vier Monaten besuche ich die Proben der Theatergruppe und darf – trotz großer Lücken in meinen Russischkenntnissen – sogar bei einigen Stücken mitspielen. Im Interview mit Jevgenij Mischkin, dem Gründer und künstlerischen Leiter, sprach ich über die Geschichte seiner Bühne, über Unterstützung vonseiten der regionalen Behörden, das Leben als Künstler und sichere Beamtenjobs.

Auf der kleinen Bühne des Kammertheaters in der Soldatskaja Straße treffe ich meinen Interviewpartner. Der Saal bietet auf quietschenden Stühlen rund 50 Zuschauern Platz. Die Wände sind schwarz, die Bühne beginnt dort, wo die erste Sitzreihe endet. Vor Beginn jeder Aufführung schaltet einer der Schauspieler die ratternde Lüftung aus – nur wenn sie bis kurz vor der ersten Szene läuft, lässt es sich in der stickigen Luft volle anderthalb Stunden aushalten. Beiden, dem Charme der Räumlichkeiten und dem meines Gesprächspartners, ist nicht zu entkommen.

Mischkin spricht gern. Seit nun schon über 20 Jahren erklärt er Schülern und Studenten wie er die entsprechende Szene verstanden hat, wie man glaubwürdig eine Zigarette raucht oder wie alte Frauen Kartoffeln schälen. Geduldig und detailversessen.

Bei meiner ersten Probe mit der Studententheatergruppe verbrachten zwei meiner Kommilitonen eine Stunde damit, unter Anleitung von Mischkin glaubwürdig in einen imaginären Aufzug zu steigen.

Ich frage, wie das Tretij Etasch entstanden ist. „Es war im Wald, im Pionierlager. Mit sieben sah ich dort, wie unsere Leiter ein Stück aufführten, von dessen Inhalt ich fast nichts verstand. Trotzdem hatte das Vorgeführte eine solche Leuchtkraft, dass ich darin meine Zukunft sah.“

An der historischen Fakultät eingeschrieben gründete er mit einem Freund eine Theatergruppe. Die vorgeführten Szenen entwickelten sich langsam zu „richtiger“ Kunst. Anfangs arbeitete er ausschließlich mit Studierenden zusammen, später kam eine Kindergruppe hinzu. Mit ehemaligen Studenten, die das Theaterspielen nach dem Studienabschluss nicht hinter sich lassen wollten, gründete Mischkin eine semi-professionelle Theatercompany.

Wenn man in Kaliningrad heute von Tretij Etasch spricht, meint man sie. Die Gewinne, die am Ende des Monats bleiben, reichen knapp aus, um anstehende Performances mit Kostümen und Kulisse auszustatten und Mischkins Einkommen zu sichern. Daher soll „semi-professionell“ hier auch keinen abschätzigen Beigeschmack tragen, sondern Respekt für den Schaffensdrang der Schauspieler: Nach Feierabend im Brotberuf steht ihnen an den meisten Abenden noch eine Vorführung oder Probe an.

„Wenn am Ende des Monats Geld übrig bleibt, reisen wir. Letzten Monat hatten wir einen Auftritt in Stettin. Auch in Litauen, Weissrussland, Georgien und im russischen Kernland haben wir schon gespielt.“

Es wäre also nicht zu weit gegriffen, die Theatergruppe als kulturellen Botschafter der Oblast Kaliningrad zu sehen. Letztes Jahr schien es, dass auch die Gebietsadministration diese Annahme teilt. Man verlieh dem Tretij Etasch den Preis „Inspiration“, der mit 70.000 Rubel dotiert ist (rund 1.160 Euro). Geld, das für die Bewältigung der anstehenden Kosten und kleine Investitionen sehr willkommen ist. Seit 2015 zählt zu den laufenden Kosten auch noch die Miete, die für das eigene Kammertheater in der Soldatskaja Straße gezahlt werden muss.

„Damals sagten alle: Ihr seid doch verrückt! Ein Kammertheater in Kaliningrad? Und das mitten in der Krise! Es wird nicht überleben. Doch mit ein wenig Erspartem und Renovierungsarbeiten in Eigenregie konnten wir uns den Wunsch vom eigenen Theater verwirklichen. Und sieh dich um: die Zuschauer kommen. Erst zu einer Aufführung, dann zur nächsten. Dann erzählen sie ihren Freunden davon. Wir leben noch. Und wir werden weiterleben.“

Tatsächlich war der Saal, in dem Tschechows „Onkel Wanja“ vor dem Interview aufgeführt wurde, bis auf den letzten Platz ausverkauft gewesen. Nur gute Zuschauerzahlen können das Überleben des Tretij Etasch sichern, denn vonseiten der Stadtverwaltung wurde dem Theater noch nie finanzielle Hilfe zuteil (von den „Inspirations“-Rubeln einmal abgesehen). Dass sich das in Zukunft ändert, darf bezweifelt werden.

Ob man sich im Angesicht dieser finanziellen Unsicherheit nicht manchmal einen Beamtenjob wünscht, einen mit festem Einkommen und Rente, frage ich zum Schluss.

Wenn er sich auf der Straße so umblicke, sagt er und schaut im Raum herum, sehe er so viele gestresste Leute. Ein Burnout verfolge das nächste und kaum einer gehe gerne zur Arbeit. Er aber liebe seinen Beruf. Und wenn er Sorgen hätte, dann gäbe es immer noch seine Familie und Freunde. „Oder, ich gehe in die Natur.“

Also dahin, wo alles angefangen hat – im Pionierlager im Wald.

Milan Procyk

Weitere Informationen: www.tretazh.ru




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Quelle:Russ. Zentralbank