Stadt und Menschen
28. 04. 2017
„Er war die wichtigste deutsche Nachrichtenquelle in Kaliningrad“
Thoralf Plath, deutscher Journalist und großer Freund unserer Zeitung „Königsberger Express“ ist von uns gegangen. Er starb am letzten Märztag dieses Jahres in seiner Wahlheimat Cranz, dem heutigen Selenogradsk, am Herzversagen.

Thoralf Plath – so bleibt er uns für immer in Erinnerung. Foto: privat
Christian Neef vom Magazin „DER SPIEGEL“, sandte uns diese Erinnerungen an unseren gemeinsamen Freund Thoralf Plath zu:

„Ein Bekannter hatte mir Anfang April Neuigkeiten aus Kaliningrad geschickt. Nachdem ich sie gelesen hatte, dachte ich: Was macht eigentlich Thoralf Plath? Ich klickte mich ins Internet – und stieß dort auf eine Nachricht, die ich bis heute nicht fassen kann: Thoralf Plath ist tot, gestorben am letzten Märztag dieses Jahres in seiner Wahlheimat Cranz, dem heutigen Selenogradsk.

Thoralf Plath ist tot? Er war in den letzten 20 Jahren die wichtigste deutsche Nachrichtenquelle in Kaliningrad. Kaliningrad müsste ihm ein Denkmal setzen – denn er hat die Stadt und das Gebiet in Deutschland wieder bekannt und populär gemacht wie kaum ein zweiter.

Wir hatten uns Ende der 90er Jahre kennengelernt. Er hatte 1995 einen deutschen Hilfstransport begleitet und in Insterburg, dem heutigen Tschernjachowsk, seine künftige Frau Lena kennengelernt. Ich dagegen war Korrespondent in Moskau gewesen und fuhr zu jener Zeit regelmäßig ins Kaliningrader Gebiet, um zu ergründen, was aus dem früheren Nordostpreußen geworden war.

Für Thoralf brachte die damalige Reise die Wende seines Lebens. Er war zu DDR-Zeiten als Oppositioneller in der Kirche und der Umweltbewegung aktiv gewesen und später Redakteur beim „Nordkurier“ in Mecklenburg-Vorpommern geworden. Nun spaltete sich sein Leben: Einen Teil des Jahres verbrachte er in der Redaktion im vorpommerschen Demmin, die restliche Zeit in Tschernjachowsk und später in Selenogradsk, wo er mit seiner Frau ein altes Haus in Strandnähe gekauft und liebevoll ausgebaut hatte, aus eigener Kraft.

Es war ein Spagat, den ich immer bewundert habe: Thoralf Plath pendelte zwischen beiden Welten hin und her. Er berichtete aus der pommerschen Provinz, erschloss deutschen Lesern aber zugleich eine Region, die sie fast schon vergessen hatten: das alte Königsberger Gebiet. Viele profitierten von ihm, nicht nur der „Nordkurier“. Er arbeitete für die Nachrichtenagentur „dpa“, schrieb für diverse Webseiten und lieferte Artikel und Reportagen für so manches andere deutsche Blatt – auch für das Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“, bei dem ich arbeitete. Darüberhinaus schleuste er ständig Journalisten-Gruppen durch das Gebiet oder organisierte Drehs für deutsche Fernsehteams, denn keiner war so kenntnisreich und ortskundig wie Thoralf Plath. Dem SPIEGEL half er, als der 2001 mit Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Königsberger Schlosses begann – er dokumentierte die Arbeiten über Jahre hinweg mit seiner Kamera.

Er war der einzige deutsche Korrespondent vor Ort. Die Arbeit war nicht leicht, vor allem später, als in Deutschland das Interesse am Kaliningrader Gebiet wieder abzunehmen begann. Und sie wäre ganz bestimmt nicht jedermanns Sache gewesen, aber Plath war ein Kollege, wie er nur selten in unserem Berufszweig anzutreffen ist: neugierig und voller Tatendrang, dabei von einer Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, die einen beschämte – mitunter nahm er für seine Artikel nicht mal Honorar.

Fast jede Woche gebar er neue Ideen. Mal war es eine Kaliningrad-Website, die zugleich Reiseführer und News-Portal sein sollte, mal ein kleiner Verlag, in dem eigene Buchprojekte für das Baltikum, Kaliningrad und die östliche Ostsee-Region erscheinen sollten. Für Marco Polo schrieb er Reiseführer über Estland, Lettland und Litauen, über Kaliningrad, die polnischen Masuren und die Danziger Ostseeküste. Es war unglaublich, woher er all die Energie und die Kraft dafür nahm.

Es ist nicht einfach für einen Deutschen, sich in der russischen Provinz zu behaupten. Seine Frau Lena half ihm dabei, und das mit bewundernswerter Geduld. Es hätte vielleicht auch nicht so gut geklappt, hätte er Land und Leute nicht so geliebt. Wo er auch hinkam: Er ging auf die Menschen zu, redete mit ihnen und fing wunderschöne Bilder mit seiner Kamera ein.

Regelmäßig forderte er mich auf, endlich wieder nach Kaliningrad zu kommen: „Ich kenn noch viele Strecken und Ecken, die in keinem Reiseführer stehen.“ Und wenn ich dann kam, zeigte er tatsächlich Neues vor, voller Liebe und Anteilnahme. Er fuhr mit mir in irgendeine abgelegene Ecke des Gebiets, um mir deren Schönheiten zu zeigen – mal ins Große Moosbruch am Ufer des Kurischen Haffs, mal an den glasklaren Wystiter See und in die Rominter Heide, und manchmal sammelten wir nach einem Sturm einfach nur Bernstein auf der Kurischen Nehrung.

Im Herbst 2012 wurde er 50. Da schrieb er mir: „Sind es nicht die ,besten Jahre‘, die jetzt angeblich beginnen? Mal sehen, wie es hier weitergeht. Gesundheitlich werde ich etwas aufpassen müssen...“

Er hat leider nicht genügend aufgepasst, deswegen stehen wir jetzt so verlassen da. Denn Thoralf Plath wurde nur 54. Kaliningrad wird diesen Verlust nicht ersetzen können. Ja vielleicht wird es ihn nicht mal begreifen.“




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Quelle:Russ. Zentralbank