Impressionen
31. 01. 2017
Poesie aus aller Welt in historischem Ambiente
Die Kunst-Plattform „ArtVorota“ war kürzlich Schauplatz des ersten Internationalen Treffens der Poesieliebhaber „POESIA.DOC“ in Kaliningrad. KE-Praktikant Milan Procyk hat teilgenommen und seine Gedanken dazu auf Papier gebracht.

Olga Jakutova, die Organisatorin des Poesieabends in der Kunst-Plattform „ArtVorota“. Foto: M.C.
Glaubt man Wikipedia, so hatten die Stadtväter das Sackheimer Tor gebaut, um die Ausfallstraße nach Insterburg zu überwachen. Die Rundtürme an jeder Ecke verhalfen den Wächtern dabei, Ausschau zu halten nach Eindringlingen oder langersehnten Besuchern. Als Teil der städtischen Fortifikationsanlage war hier ein Treffpunkt für Händler und Pendler der Region.

Heute steht das neogotische Tor an der Straßenecke Moskowskij Prospekt/Litowskij Wall (ehem. Litauer Wallstraße). Auffällig ist seine Einfachheit, man könnte sagen: Das Bauwerk springt den Passanten nicht an. Dass es sich um ein historisches Gebäude handelt, ist erst aus der Nähe sichtbar. Dies mag an seiner Schlichtheit liegen, oder daran, dass auch die umgebenden Häuser aus rotem Ziegelstein sind. Vielleicht hängt es aber auch mit der Laufrichtung der meisten Besucher zusammen. Aus der Stadt kommend begrüßt einen eine unauffällige, ziegelrot gestrichene Fassade, dort, wo einst der Durchgang war.

Geht man jedoch stadteinwärts, läuft man auf eine Glasfassade zu, hinter der ein warmes Licht einlädt einzutreten. Dahinter befindet sich heute die Kunst-Plattform „ArtVorota“: das Stadttor wurde zur Galerie mit angegliedertem Café, Treffpunkt für Künstler und Kunstinteressierte. Ab und an wird der Ausstellungsraum auch zur Bühne. Wie an dem Abend, an dem das erste Internationale Treffen der Poesieliebhaber in Kaliningrad „POESIA.DOC“ stattfand.

Die Organisatorin Olga Jakutova hatte mich im November angeschrieben, um zu fragen, ob ich denn nicht teilnehmen wolle. Ich solle dort, wie die anderen internationalen Gäste, einige Gedichte in meiner Muttersprache vortragen.

Selbstverständlich sagte ich zu. Und so kam es, dass ich am Abend des 19. Dezembers vor etwa vierzig Anwesenden Goethe und Heym, Ringelnatz und Heine vortrug. Die Anwesenden ließen sich das eine oder andere „Aah“ und „Ooh“ entlocken, die russischen Übersetzungen (auf jedes „internationale“ Gedicht folgte seine russische Übersetzung) provozierten gar ein paar Lacher (allen voran Ringelnatz´ „Heimatlose“).

Als ich wieder meinen Sitzplatz einnahm, konnte auch ich erfahren, dass man eine Sprache keineswegs beherrschen muss, um sich an ihrem Klang zu erfreuen. Neben den deutschen Gedichten, die ich vortrug, wurden noch persische und englische rezitiert. In den Pausen spielte eine Rock-Band. Mir persönlich war die Musik ein wenig zu tanzbar für den komplett bestuhlten Saal. Wenn das als Kritikpunkt taugt, bleibt es mein einziger: Organisation und Veranstaltungsort ließen nichts zu wünschen übrig, die Atmosphäre war feierlich und familiär. Auch unter den anderen Teilnehmern und Gästen fiel das Fazit durchweg positiv aus.

Was sicher auch bei den Architekten des Sackheimer Tors der Fall gewesen wäre. Sie hätten sich sicher gefreut zu sehen, dass ihr Bauwerk vom regionalen Treffpunkt von Händlern und Pendlern für einen Abend zum Versammlungsort von Poesieliebhabern aus aller Welt wurde.

Milan Procyk




Devisenkurse: 31. 10. 2017
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Quelle:Russ. Zentralbank