Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Geschichte & Gegenwart
Jugend beschäftigt sich mit Heimat
Eine Gruppe von Jugendlichen baute in Gwardejsk/Tapiau ein heimatkundliches Museum auf.

Die engagierten Forscher sind stolz auf ihr Museum. Foto: Autor
Die jungen Heimatforscher und die ehemalige Lehrerin Anna Mitscheeva gaben der deutschen Vergangenheit der Geburtsstadt des Malers Lovis Corinth eine besondere Fortsetzung. Ihr Jugendzentrum ist nicht gerade unscheinbar. Das nach dem Ersten Weltkrieg als Tapiauer Rathaus im so genannten „Heimatschutzstil” errichtete Bauwerk ist aus der deutschen Zeit erhalten geblieben und dient nun neuen Zweckmäßigkeiten. Unterschiedliche Aktivitäten finden hier ihren Platz: Für Kinder gibt es Malen, Handarbeit und Theater, am außergewöhnlichsten ist jedoch das heimatkundliche Museum. Vordergründig informiert es über die Stadt und ihre Persönlichkeiten. Da in ihrer Geschichte eine 750 Jahre alte Tradition des ständigen Aufeinandertreffens von Ost- und Mitteleuropa, deutscher und russischer Vergangenheit liegt, gewinnt das Projekt somit eine brückenbildende Funktion. Mehr als 500 Exponate beherbergt das Museum insgesamt. Unter ihnen ist so mancher mit einem besonderen Abdruck versehener Backstein, der auf einer Radtour entdeckt und aufgelesen wurde, an der Wand der bedeutenden Künstler ist dagegen auch eine Originalradierung von Lovis Corinth zu sehen. Die junge Museumsgruppe empfängt Reisegruppen aus unterschiedlichsten Ländern Europas, wie das Gästebuch eindrucksvoll dokumentiert und hält Referate auf Russisch, Englisch und Deutsch. Mit der medialen Ausstattung sind jetzt auch noch Bildervorträge möglich.

Die Beschäftigung mit der Heimat sei bedeutungsvoll und lohnend, meinte ein Mädchen aus der Museumsgruppe. Und tatsächlich steckt in der Anknüpfung an die deutsche Vergangenheit etwas Unvermeidliches, richtet man den Blick auf das Gwardejsker Stadtbild. Hierin nämlich ist Tapiau erhalten geblieben, im Marktplatz mit seiner niederdeutschen Weitläufigkeit und in der Architektur, wie bei der roten, ziegelsteinernen Schule Nr. 1 und der als Bollwerk gegen die Völker des Ostens errichteten Ordensburg der Deutschritter, die heute als Gefängnis dient.

So gilt, alles in allem, dass Gwardejsk zu einem Besuch regelrecht verlockt. Mögen auch die Spuren eines Lovis Corinth schwer auffindbar sein (sein Tryptichon „Golgatha” ist verschollen und ziert schon lange nicht mehr den Altar der einstigen Pfarrkirche), das einzigartige Engagement der Museumsgruppe verleiht der Geschichte wieder Kontinuität und lässt die vor der raschen Zerstörung im Krieg zwar verschonte, von einem langsamen Verfall aber nicht bewahrte Stadt nicht so schnell vergessen.

Raimund Kühnel




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Quelle:Russ. Zentralbank