Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Stadt und Menschen
Des Schlosses letzter Atemzug
Fotograf Oleg Maksimow: „Ich hielt mit meiner Kamera nicht nur die Geschichte fest, sondern ich war ein Teil davon“.

1967: Schaulustige verfolgen die Sprengung der Schloss-Ruine. Foto: Maksimow
„Es war 1946, als ich das erste Mal nach Kaliningrad kam. Ich war damals Schiffsjunge. Unser Schiff lag auf der Reede im Hafen und ich konnte von Bord aus das Königsberger Schloss bewundern. Das Schloss stand noch als ganzer Bau da, es wies nur ein Loch in der Turmspitze auf. Ich war von diesem Anblick so angetan, dass ich beschloss in dieser Stadt zu bleiben.

Ich fotografierte, was von Königsberg übriggeblieben war, und hielt mit meiner Kamera nicht nur die Geschichte fest, sondern ich war ein Teil davon. Dazu folgendes Beispiel: Der damalige Bürgermeister Denissow hatte beschlossen, die Ruine der Königsberger Stadthalle wiederaufzubauen, um dort ein Museum für Kunst und Geschichte unterzubringen. Da dafür kein Geld in der Stadtkasse vorhanden war, musste er Moskau um die Finanzierung dieses Bauvorhabens bitten. Denissow wollte dem Bittschreiben ein paar Fotos beifügen, die den Entscheidungsträgern in Moskau zeigen sollten, dass es sich bei der Ruine um ein architektonisches Meisterwerk handle, dessen Wiederausbau kein großes Problem darstellen würde. Der Bürgermeister bestellte mich zu sich und überreichte mir ein Album mit Fotografien, die die Stadthalle in der Vorkriegszeit zeigten. Ich nahm die Bilder mit nach Hause, studierte sie, kletterte ins Innere der heruntergekommenen Stadthalle, bestieg sie bis in die oberste Etage, lief wieder hinaus und suchte nach einer passenden Perspektive für meine Aufnahmen. Ich fand endlich einen Blickwinkel, aus dem die Reste der Stadthalle noch einen recht ordentlichen Eindruck machten, und schoss ein paar Bilder. Diese verfehlten dann ihre Wirkung nicht: Moskau bewilligte den Wiederaufbau der Stadthalle und überwies das nötige Geld nach Kaliningrad.

Anders war es leider mit dem Königsberger Schloss. Mehrere Personen des öffentlichen Lebens Kaliningrads, wie beispielsweise der Künstler Israil Gerschburg, die Schriftsteller Wlatscheslaw Karpenko und Juri Iwanow, der Historiker Viktor Strokin und andere traten mutig für den Erhalt des Baudenkmals ein, konnten ihren Stadtpunkt jedoch nicht durchsetzen.

Es hieß zuerst, der Abriss der Schlossruine würde nur ein paar Tage in Anspruch nehmen, in Wirklichkeit hat es Jahre gedauert, bis man die letzten Reste der Ruine weggeräumt hatte. Die Mauern des Westflügels waren stellenweise bis zu vier Meter dick, sodass man sie mehrmals sprengen musste.

Als für das Schloss sein letzter Tag anbrach, schlich ich mich durch die Absperrung, um näher an das Schloss heranzukommen. Ich war ja in der Stadt allgemein bekannt, sodass niemand versuchte mich aufzuhalten. Es gelang mir, den allerletzten Augenblick der Existenz des Schlosses festzuhalten: Die dicken Mauern blieben ein paar Sekunden stehen, von dichtem Explosionsrauch umhüllt, und brachen dann mit ohrenbetäubendem Lärm in sich zusammen.




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Quelle:Russ. Zentralbank