Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Geschichte & Gegenwart
Die Turmuhr in Mühlhausen geht wieder
Sie ist wahrlich ein Kleinod – die alte Ordenskirche in Gwardejskoje, dem kleinen Dorf, das einst Mühlhausen hieß. Von welcher Seite man sich ihr auch immer nähert, sie ist nicht zu übersehen.

Hier wird die Uhr noch für die Montage an der Westmauer des Gotteshauses fertiggemacht. Foto: J. Sabuga
Die Jahre haben an ihr zwar ihre Spuren hinterlassen, seit vor über 600 Jahren hier die ersten Feldsteine zusammen getragen wurden. Sie war eine der schönsten Kirchen im nördlichen Ostpreußen und – Oh Wunder! – ihr Grundstock hat die Zeitläufte überstanden. Der letzte Krieg und die Jahre danach haben ihr zwar übel mitgespielt: die wunderbare Inneneinrichtung – farbenprächtiger bäuerlicher Barock – existiert nicht mehr. Und auch die Turmuhr hatte aufgehört, die Zeit anzuzeigen.

Doch nun weiß, wer immer seine Augen auf den Turm richtet, welche Stunde ihm geschlagen hat. Während der Weihnachtstage des letzten Jahres ist das zweite Ziffernblatt an der Westseite des Turms angebracht worden. Die Uhr geht funkgenau, worauf nicht nur Jurij Sabuga stolz ist, der Kaliningrader Architekt, der über Jahre sich der Kirche angenommen hat und ihre Restaurierung mit großer Einfühlsamkeit engagiert leitet und überwacht. Viel ist in den vergangenen Jahren geleistet worden, um dieses, das Wort ist nicht zu hoch gegriffen, europäische Kulturerbe zu erhalten. Das farbige Holztonnengewölbe mit den Temperamalereien aus dem 17. Jahrhundert wurde gut restauriert, die noch ältere Wandmalerei im Westbogen des Langhauses konserviert.

Schließlich ist die Ordenskirche von besonderer Bedeutung, liegt in ihr doch die jüngste Tochter des Reformators Martin Luther, Margarete, begraben, die, wie ihr Bruder Hans, zu Zeiten des Herzog Albrecht von Wittenberg nach Ostpreußen zog – der Liebe wegen.

Das Dach des Chors, das die Holztonne trägt, ist nun auch dauerhaft abgedichtet worden. Die Dachsanierung kann in diesem Jahr hoffentlich abgeschlossen werden. Der aus Ostpreußen stammende Dachdecker Heinz Hohmeister hilft mit. Aber in erster Linie sind es russische Handwerker, die die Arbeiten ausführen. Ohne die finanzielle Hilfe eines Förderkreises aus Deutschland, der immer wieder Gelder auftreibt, wäre dies alles nicht möglich geworden. Ihm ist es auch zu verdanken, dass der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien in Bonn sich diesem Kulturerbe verpflichtet weiß und immer wieder Fördermittel für Mühlhausen bereitstellt. Ohne diese Hilfe stünde die Kirche heute schlecht dar.

Die alte Pfarrkirche hat überdies ihre einstige Rolle wieder gefunden: In ihr werden regelmäßig Gottesdienste abgehalten, und die Gemeindevorsteherin Lena Kaatz öffnet jedem, der in die Kirche will, bereitwillig das Tor. In diesem Jahr zu Palmsonntag wird eine größere Gruppe in Gwardejskoje erwartet, angeführt von zwei starken Frauen, Landtagsabgeordnete aus Thüringen, aus der Stadt Mühlhausen und aus dem Eichsfeld. Sie werden pünktlich sein müssen. Die neue, von ihnen wesentlich mitfinanzierte Uhr ist gnadenlos. Sie geht auf die Minute genau.

Haug von Kuenheim




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Quelle:Russ. Zentralbank