Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Geschichte & Gegenwart
Die scheidende Welt Gerdauens
Es war das 9. Jahrhundert, als an der Stelle des späteren Gerdauens eine prußische Ansiedlung gegründet wurde. Zehn Jahrhunderte später bekam die Stadt ihren heutigen Namen – Schelesnodoroschnyj.

Die Zeit scheint hier seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts still zu stehen. Foto: I.S.
Im 13. Jahrhundert bauten die Prußen dort eine hölzerne Burg und tauften sie auf den Namen ihres Häuptlings Girdaw. 1257 fiel die Burg unter die Herrschaft der deutschen Ordensritter, die sie zur Residenz der umliegenden Komturei machten. Häuptling Girdaw trat freiwillig zum Ritterorden über und bekannte sich mit Leib und Seele zum Christentum. Er wurde ein so flammender Christ, dass es ihm gelang, für eine geplante Siedlung eine päpstliche Genehmigung zum Bau einer Kirche zu erhalten. Doch noch während der Grundsteinlegung unweit der Burg Girdaw brach plötzlich ein großer Aufstand der heidnischen Prußen aus und zerstörte die Pläne Girdaws. Die Christen mit Girdaw an der Spitze wehrten sich mutig, doch die Aufständischen waren zu zahlreich. Aus Angst, die hölzerne Burg könnte wieder in die Hände der Heiden geraten, ließ Girdaw sie anzünden und floh mit seinen Kriegern nach Königsberg.

Anfang des 14. Jahrhunderts wurde an der einstigen Brandstätte mit dem Bau einer Ordensburg begonnen. Diese sollte als Sitz des Komturs dienen und wurde aus Stein errichtet. 1325, am Tag der christlichen Heiligen Peter und Paul, wurde sie eingeweiht. Eine Siedlung, die inzwischen auf einem gegenüberliegenden Hügel entstanden war, hieß, wie die Burg selbst, Gerdawen. 1398 wurden dieser die Stadtrechte verliehen. Etwa ab dem 18. Jahrhundert fungierte sie in den Chroniken unter dem Namen Gerdauen. Auf dem Stadtwappen von Gerdauen (und auf dem von Schelesnodoroschnyj) sind die Heiligen Peter und Paul vor dem Hintergrund der drei Burgtürme abgebildet.

Als am Fluss Omet (heute Stogowja) unweit der Burg eine Wassermühle gebaut wurde, entstand am Stauwehr ein See. Er wurde so groß, dass er die Stadt von drei Seiten umgab. Er bekam den Namen Banktinsee.

1409 wurde in Gerdauen eine Schule und eine Stadtmauer erbaut. 1428 folgte im südlichen Stadtteil ein Dominikanerklos-ter.

Im 13-jährigen Krieg nahmen preußische und polnische Truppen Gerdauen ein. Die Burg wurde im Verlauf der Kampfhandlungen teilweise zerstört. Nachdem der Deutsche Orden wieder die Oberhand über Gerdauen gewonnen hatte, ging sie in den Besitz des Ritters Georg von Schlieben über. Dessen Adelsgeschlecht sollte bis zum Jahr 1809 Herr über die Burg werden.

1729 zählte Gerdauen 813 Einwohner und am 31. Januar 1741 sollte ein ganz besonderer hinzu kommen: Theodor Gottlieb von Hippel, ein späterer Oberbürgermeister Königsbergs und berühmter Schriftsteller. Dieser Sohn Gerdauens wurde später zum Protagonisten der Novelle „Nussknacker und Mausekönig“ von E. T. A. Hoffmann. Dort wurde ihm die Rolle des Patenonkels Drosselmeyer zuteil. Hoffmann stand in seiner Jugend auf Freundesfuß mit einem Neffen von Hippel, war von des letzteren Persönlichkeit sehr angetan und behielt Hippel für immer in dankbarer Erinnerung.

Anfang des 18. Jahrhunderts wurde Gerdauen das Recht zuerkannt, Austragungsort von Jahrmärkten zu werden. Eine Sehenswürdigkeit für deren Teilnehmer war damals eine schwimmende Insel auf dem Banktinsee. Diese stellte eigentlich einen Haufen von zufällig vom Wind zusammengetragener und wirr miteinander verflochtener Wurzel-, Gras- und Erdklumpen dar, der frei auf dem See umher schwamm. So ging es, bis die „Insel“ einmal an das westliche Ufer getrieben wurde und dort anwuchs. Dieser Teil des Baktinsees wurde 1818 abgelassen und in eine Wiese verwandelt.

Im selben Jahr wurde Gerdauen zur Hauptstadt eines gleichnamigen Landkreises. 1867 lebten in der Stadt bereits 2.861 Menschen. 1871 bekam Gerdauen einen Eisenbahnanschluss nach Rotfließ, ein Jahr später nach Allenstein. Die Eisenbahnverbindung nach Nordenburg wurde 1898 und die nach Löwenhagen 1901 geschaffen. 1910 zählte Gerdauen 3.025 Einwohner.

Eine weitere Entwicklung dieser anmutigen Kleinstadt wurde durch die weltpolitischen Wirren zeitweilig unterbrochen. Am 9. September 1914 spielte sich vor und in Gerdauen eine der Schlachten des Ersten Weltkrieges ab. Viele his-torische Bauten, Wohn- und Verwaltungsgebäude wurden im Zuge von Kriegshandlungen zerstört. Doch durch die Hilfe von Berlin-Wilmersdorf und Budapest war 1921, drei Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, keine Spur der Zerstörungen mehr zu erkennen.

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges zählte Gerdauen fast 5.000 Einwohner. Die Industrie bestand aus einer Mühle, einem Sägewerk, der Bierbrauerei „Kinderhof“ und einer Maschinenfabrik. Die Ruinen eines Wasserturms und der Wasserwerke sind in der Stadt noch heute zu sehen.

In Gerdauen fand seinerzeit die 4. Preußenmesse statt. Als Landkreishauptstadt war Gerdauen dem Königsberger Verwaltungskreis zugeordnet. Die Ämter und Behörden, wie der Stadtrat, die Landkreisverwaltung, das Landgericht, das Finanzamt, die Post, das Haus der Landwirtschaft, sowie die Real- und die Landwirtschaftsschule waren in architektonisch stilvollen und sinnvoll gestalteten Bauten untergebracht. Es gab hier ferner ein Krankenhaus, ein Seniorenheim, zwei Gasthäuser, einen Sport- und Tennisspielplatz. Insgesamt gab es in der Stadt 355 Wohnhäuser und 1.054 Bauten, die wirtschaftlichen Zwecken dienten.

Am 27. Januar 1945 wurde Gerdauen von den Truppen der 28. Armee der 3. Weißrussischen Front eingenommen. Ende 1946 blieben in der Stadt nur noch ca. 400 Häuser, die zum Bewohnen oder zur wirtschaftlichen Nutzung taugten.

Am 27. Januar 1947 wurde Gerdauen in Schelesnodoroschnyj (eine Ableitung von Schelesnaja Doroga – die Eisenbahn) umbenannt. Der Grund war wohl dessen Rolle als Grenzstadt, in der Güterzüge von der russischen Breitspur auf die in Europa übliche Normalsspur und umgekehrt umgestellt wurden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion bekam der Güterverkehr über Autostraßen eine viel stärkere Entwicklung, sodass der Schienenweg über die Grenzstadt Schelesnodoroschnyj mit der Zeit immer mehr an Bedeutung verlor, bis er endgültig stillgelegt wurde.

Es sind in der Stadt noch einige Bauten erhalten, die aus dem 14. Jahrhundert stammen und vorwiegend Filmemacher und Heimwehtouristen begeistern. Sie verfallen jedoch immer mehr und bieten einen traurigen Anblick. Kaum zu glauben, aber wahr: In der ganzen Nachkriegszeit ist in Schelesnodorschnyj kein einziges neues Haus gebaut worden. Optisch passt die Stadt nicht in die heutige Welt und lässt einen müßigen Besucher unwillkürlich denken, die Zeit sei hier seit Kriegsende stehen geblieben.

Obwohl die Stadt durchgehend von Kriegsspuren gezeichnet ist, macht sie merkwürdigerweise einen ordentlichen Eindruck. Das von Regen rein gespülte Kopfssteinpflaster, vermutlich noch aus der Zeit der Prußen, Gehwege, denen man noch ansieht, wie liebevoll sie seinerzeit von Gerdauens Meistern verlegt wurden, mit Holzschnitt kunstvoll verzierte Türen und Fensterrahmen, die vereinzelt von ihren heutigen Nutzern neu gestrichen wurden – all das erzeugt beim Betrachter einen einzigartigen und einnehmenden Eindruck. Die einheimische Bevölkerung ist besonders freundlich, was wahrscheinlich an der Tatsache liegt, dass es einen Fremden fast nie in diese Gegend verschlägt. Heimwehtouristen und einige wenige Filmemacher sind fast die einzigen Ausnahmen.

Schelesnodoroschnyj zählt heute ca 3.000 Einwohner. Die städtische Industrie ist durch eine Ziegelei, einen Straßenbaubetrieb, eine Molkerei und einige Infrastrukturobjekte der Kaliningrader Eisenbahn vertreten. Es gibt außerdem eine Schule, ein Krankenhaus und eine geringe Zahl von privaten Dienstleistungsfirmen – alles in allem zu wenig, um allen Bewohnern im arbeitsfähigen Alter eine stabile Erwerbsmöglichkeit zu bieten.

Die einstige Kinderhof-Brauerei mit all ihren noch aus der Vorkriegszeit stammenden Maschinen und Anlagen produzierte gutes Bier, doch die Perestrojka wurde ihr zum Verhängnis und sie schloss. Gleiches Schicksal erlitt eine Butterei. Die Eisenbahnstation wurde ebenfalls geschlossen. Es macht den Eindruck, als würde hier auf eine makabre Art und Weise getestet, was aus einer Stadt mit ihren Bewohnern wird, wenn ihr die wirtschaftliche Grundlage genommen wird.

Für alle Besucher sind es eindrucksvolle Ruinen, menschenleere Straßen, Stille, saubere Luft und ein unerklärlicher Charme – Eindrücke eines müßigen Touristen, die er von einer Reise nach Schelesnodoroschnyj nach Hause nimmt. Für die Einheimischen ist es die triste Realität, ganz nach: „Es ist kein Leben hier, eher ein Überleben“.

Julia Kirschina




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Quelle:Russ. Zentralbank