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Küstenbefestigung wird Milliarden verschlingen
Spezialisten des Schirschow-Forschungsinstituts erstellten ein Gutachten über Schäden, die der orkanartige Seesturm von Mitte Januar der Kaliningrader Meeresküste zugefügt hat.

Umgekippte und entwurzelte Bäume und Sträucher, Reste von zerstörten Küstenschutzanlagen – so sahen die Strände gleich nach dem Seesturm aus. Foto: I.S.
Bei der Bestandsaufnahme waren auch Journalisten der „Komsomolskaja Prawda“ vor Ort. Nachstehend ihre Aufzeichnungen:

1. Aus der Nehrung könnte eine Insel werden

Ein Weg, der am Fuße der Kurischen Nehrung von der Autostraße zur Meeresküste führt, ist kaum passierbar und gleicht nun einem Sumpf. Gelangt man doch auf den noch ziemlich breiten Strand, so sieht man sofort, dass die Meereswellen hier bis an die höher gelegenen, mit Wald bewachsenen Teile des Ufers gerollt sind. „Das Ufer ist an dieser Stelle fast immer einem starken Wellengang ausgesetzt. Nur wenn ein Jahr wettermäßig ruhig ist, wird das Ufer für eine Zeitlang stabil“, erläutern die Experten des Forschungsinstituts. „1983 kam es hier während eines extrem starken Seesturms zum Durchbruch der Nehrung und das Wasser der Ostsee vermengte sich mit dem des Haffs. Man hat später diesen Abschnitt der Meeresküste auf der Nehrung befestigt, große Natursteine und Sand in riesigen Mengen herangeschafft und festgestampft. Die Autostraße wurde auch aufgeschüttet, damit sie hier in einer etwas höheren Lage verläuft. Dadurch konnte die Küste einigermaßen wiederhergestellt werden. Vor neun Jahren gab es hier einen schönen Sandstrand, der erschreckend schnell verschwand. Wenn die Aufräumarbeiten in der nächsten Zeit nicht beginnen, kommt es hier unvermeidlich zu einem neuen Durchbruch der Nehrung.“

2. Selenogradsk: Promenade bestand die Probe

Unweit des Nordrandes von Selenogradsk (ehem. Cranz) lesen Männer in Overalls auf einem winzigen Stückchen Strand alte Autoreifen auf, die hier seinerzeit auf Eisenstäben befestigt die Rolle von Küstenschutzanlagen spielten. Die Anlagen nahmen die Kraft der auflaufenden Meereswellen auf und schützten so die Küste vor steter Zerstörung. Sie wurden gebaut, weil die aus der deutschen Zeit stammenden Wellenbrecher oder Buhnen zu alt waren, um mit dieser Aufgabe fertig zu werden. Als weiteren Küstenschutz hat man entlang der Uferlinie so genannte Tetrapoden, aus Eisenbeton gegossene rechteckige Klötze, aufgestellt. Hinter diesen wurden zusätzliche Haufen mit Findlingen aufgeschüttet, die die Brandung ebenfalls abschwächen sollten.

Die Promenade in Selenogradsk vermochte der Wucht der Naturgewalten zu trotzen. Was nicht vom darunter liegenden Strand behauptet werden kann. Er ist wohl vollständig zerstört worden, denn wo er einmal war, ist heute nur brodelndes Wasser zu sehen.

Bei den Wissenschaftlern herrscht Uneinigkeit, wie die am besten befestigte Küste auszusehen hat. Die einen behaupten, dass Buhnen, Wellenbrechern und sonstigen aus deutscher Zeit übernommenen Schutzanlagen falsche technische Ideen zugrunde liegen und dass sie überhaupt keinen positiven Einfluss auf die Erhaltung der Strände ausgeübt haben.

Andere sprechen sich für Wellenbrecher aus und versichern, dass es gerade die Deutschen waren, welche die wirksamsten Methoden des Küstenschutzes erfanden und diese erfolgreich zum Einsatz brachten. Sie weisen darauf hin, dass wo die Buhnen stehen der Sand am wenigsten von den Stränden weggeschwemmt wurde. Und umgekehrt: Wo keine Buhnen gebaut wurden, wanderten im Laufe der Zeit riesige Mengen Sand weiter nach Norden und lagerten sich an der litauischen Küste ab.

3. Pionerskij und Swetlogorsk: Steinkörbe haben sich nicht bewährt

Schwere Steinplatten der zerstörten Strandtreppen und Eisenteile der umgekippten Brüstung ragen aus der Brandung von Pionerskij (ehem. Neukuhren) hevor. Die Betonplatten einer technischen Zufahrtsstraße, die gleich hinter der Promenade verläuft, liegen quer über den Strand verteilt. Steinkörbe, mit denen in den letzten Jahren versucht wurde die Küste zu befestigen, sind stellenweise schwer beschädigt. Auch in Swetlogorsk (ehem. Rauschen) kam man zu dem Schluss, dass Steinkörbe ihren Zweck nicht erfüllen. Die untere Reihe war der Wucht der Naturgewalten am stärksten ausgesetzt und stellt jetzt einen Haufen Steine dar, aus dem hier und da Knäuel wild verworrener Eisendrähte in die Luft ragen. Die Steinkörbe der nächsthöheren Reihe sehen stark verformt aus.

4. Wo Geld hernehmen?

„Wir werden die Zentralregierung um Hilfe bitten. Unabhängig davon, ob die Unterstützung gegeben wird oder nicht, können wir mit dem so genannten Reservefonds rechnen“, heißt es in einer Erklärung von Gouverneur Nikolaj Zukanow. „Das Problem kann jedoch nicht durch eine einzige Finanzspritze gelöst werden.

Die Küstenbefestigung bedarf unserer jahrelangen Bemühungen und wird viele Milliarden Rubel kosten. Es handelt sich nicht nur um die Wiederanschwemmung von Sand auf Strände, sondern um den Bau von Molen, Buhnen, Wellenbrechern und sonstigen Schutzanlagen. Die Erstellung von Bauplänen für eine neue Promenade und einen Pier in Swetlogorsk steht kurz vor dem Abschluss. Mit dem Bau wird man noch in diesem Jahr beginnen. Außerdem soll ein 500 Meter langer Abschnitt der Meeresküste auf der Frischen Nehrung befestigt werden.“

Im Vergleich zu den Badeorten lassen sich Perspektiven von Wiederherstellzungsarbeiten auf der Kurischen Nehrung weniger klar abzeichnen. Denn vier Ministerien der Zentralregierung haben Mitspracherecht bei Veränderungen an der Nehrung. Aus diesem Grund blieben Fragen bezüglich der Nehrung bisher ungeklärt.

„Die Gebietsregierung ist nicht berechtigt, Geld aus dem Regionalhaushalt für Territorien und Objekte auszugeben, die außerhalb ihres Kompetenzbereichs liegen. Ich werde mich deshalb persönlich an die Zentralregierung wenden und um eine ausreichende Finanzhilfe aus dem Föderalhaushalt bitten“, betonte Zukanow.




Devisenkurse: 02. 07. 2019
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Quelle:Russ. Zentralbank