Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Stadt und Menschen
Besser spät als nie
Das Schicksal des früheren Nordbahnhofs hat sich nun endgültig entschieden. Das zuletzt als Seemannsheim benutzte, recht marode Gebäude am Pobedy-Platz (Hansa-Platz) hat Investoren gefunden. Das Haus soll unter Dutzenden von großen und kleinen Firmen aufgeteilt werden, die es zunächst vollständig renovieren lassen müssen.
Voranschreitende Marktwirtschaft kommt dem Aussehen der Stadt Kaliningrad ohne Einschränkung zugute. Es besteht zwar nicht die Möglichkeit, von heute auf morgen das Erscheinungsbild an die inzwischen in Europa üblichen Standards anzugleichen. Doch wirken sich die erst vor kurzem angelaufenen Teilrekonstruktionen (KE, Nr. 10/96, S. 10) auf das gesamte Stadtzentrum im großen und ganzen positiv aus.

Das ehemalige Seemannsheim befindet sich auf dem Weg zu einer Totalumwandlung. Das 1930 erbaute, wuchtige Gebäude fristete in der Nachkriegszeit ein kümmerliches Dasein als Zwischenstation für Leute, deren Leben sich von der Wiege bis zur Bahre immer unterwegs abspielte. Dabei gingen der ursprüngliche Charme und die Großartigkeit des einst erstrangigen Hotels zusehends verloren. Im Jahre 1992 stellte die Kaliningrader Gebietsverwaltung das Seemannsheim unter Denkmalschutz, um dem weiteren Zerfall vorzubeugen.

Nach langem Hin und Her entschied sich die Stadtverwaltung Kaliningrad für eine Rekonstruktion des Gebäudes. Die Vermögensverwaltungsgesellschaft Holderer & Partner aus Düsseldorf, die daraufhin in Kaliningrad vorstellig wurde, wurde mit ihrem Projekt, für das heruntergekommene Haus Investitionen in Höhe von ca. 35 Mio. DM heranzuziehen, warm empfangen. Doch aus diesem Handel wurde nichts. Das Projekt entpuppte sich als Flop (Wirtschaftswoche v. 7.01.94).

Der Eigentümer „AG Kaliningradrybprom", ein Fischfangunternehmen, verfügte zu dem Zeitpunkt nicht einmal über ausreichende Mittel, um wenigstens die Fassade neu verputzen zu lassen. Aus diesem Grunde wurde eine etappenweise Rekonstruktion beschlossen. Das Projekt dazu erarbeiteten die Experten des Instituts „Kaliningradschilkommunprojekt", das sich bisher speziell der Ausarbeitung städtebaulicher Konzepte angenommen hatte. Erleichtert gab die Kaliningrader Bürgermeisterei dazu nun ihre Zustimmung.

Der Westflügel, dessen Fenster auf den Sowjetskij Prospekt (Fuchsberger Allee) gehen, wurde von der „Invest-bank", einem langfristigen Pächter, vollständig renoviert und durchgebaut. Dort sind jetzt die Filiale der „Invest-bank" und in deren Räumen die Kaliningrader Vertretung der Handelskammer Hamburg untergebracht.

Im ebenfalls renovierten Erdgeschoß des Westflügels zog vor wenigen Monaten das neue Restaurant „Flagman"
ein, dem diese nach europäischen Maßstäben ausgestatteten Räumlichkeiten laut Pachtvertrag mit der Firma „OOO Soglasije tri" zehn Jahre lang zur Verfügung stehen werden.

Die links vom Eingang liegende Seite des mittleren Gebäudeteiles wurde ebenfalls zu Pachtbedingungen an die litauische Investitions- und Baufirma „Aula" vergeben. Die Litauer träumen von einem Einkaufszentrum und Fastfoodrestaurant im Erdgeschoß, das die Kaliningrader mit „preisgünstigen Qualitätsprodukten aus Litauen" verwöhnen soll. Diese Träume sollen nach Angaben der Firma im November diesen Jahres teilweise in Erfüllung gehen. Die gesamten Renovierungsarbeiten im „litauischen Teil" des Hauses sollen im Mai 1997 beendet sein. Laut einem „Tip" aus der Kaliningrader Bürgermeisterei werden auf einer der vier Etagen auch ein Jugendzentrum und eine Milchbar ihren Platz finden.

Das Schicksal der rechts vom Eingang liegenden Seite des mittleren Gebäudeteils ist dagegen unklar. Der frühere Eigentümer „AG Kaliningradrybprom" versuchte mehrmals, für die Renovierung von der Kaliningrader Gebietsverwaltung ein Darlehen mit niedrigen Zinsen zu erhalten. Doch diese rückte für diesen Zweck nicht einen Rubel heraus. Vorerst wurde eine Zwischenlösung gefunden: Die Räume werden vermietet; die Mieten sollen die Renovierung finanzieren, die zusammen mit dem Hauptgeldgeber, der Firma „TOO Michel" betrieben wird. Diese Firma bekam dafür diesen Teil des Gebäudes für 25 Jahre zur Verfügung gestellt. Was aber mit den renovierten Räumen weiter passieren soll, weiß niemand genau zu sagen.

Im Erdgeschoß des Ostflügels soll bereits Mitte 1997 ein Geschäft für Haushaltsgeräte eröffnen. Hier packen Italiener und Polen mit an, die Interesse an dem Projekt erklärten. Im ersten und dritten Stock sollen bis Ende 1998 Büroräume eingerichtet werden. Der zweite Stock soll für 25 Jahre an die Firma „Friel" vermietet werden, die daraus ein Hotel zu machen beabsichtigt.

Der Anbau des Ostflügels soll erst in der zweiten Jahreshälfte 1997 in Angriff genommen werden.
Schwierigkeiten hatten alle neuen Eigentümer und Untermieter mit dem städtischen Gesundheitsamt, das nach Beginn der Renovierungsarbeiten kurzerhand mit Baustopp drohte, weil man das Gebäude mit einer dieselbetriebenen Heizanlage ausstatten wollte und dies womöglich gegen die geltenden Hygiene-Vorschriften verstoße. In gegenseitigem Einvernehmen wurde dieses Hindernis allerdings schnell aus dem Weg geräumt: Man versprach die erforderlichen Änderungen - in Zukunft natürlich.

Wie dem auch sei, das Seemannsheim wird sich bald zu einem schönen und funktionstüchtigen Gebäude mausern, was so gerade recht ist für das Stadtzentrum. Wäre der zweijährige Kampf um die Eigentumsrechte zu umgehen gewesen, hätte man schon früher mit der Rekonstruktion anfangen können. Dennoch haben jetzt alle Grund zur Freude: Besser spät als nie.

N. Gorbatschowa, A.Ch.




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Quelle:Russ. Zentralbank