Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Soziales
Verlassen und vergessen?
Statistischen Angaben aus dem Jahre 2002 zufolge wurden in Kaliningrad 3686 Kinder geboren.
– Die Zahl der Abtreibungen betrug 7289.
– Von diesen Schwangerschaftsabbrüchen entfielen 615 auf Frauen, die das 19. Lebensjahr nicht überschritten hatten. Bei diesen jungen Frauen war es ihre erste Schwangerschaft.
– Allein in der städtischen Entbindungsanstalt Nr. 4 sagten sich 52 Frauen von ihren Neugeborenen los. Im Jahr 2003 sind bereits an die 20 Abgaben verzeichnet worden.

Diese Statistik veröffentlichte die Ortszeitung „Kaliningradskaja Prawda“ in einer ihrer Freitagsausgaben. „Jede Frau, die ihr Kind in der Entbindungsanstalt zurück lässt, darf es ein Jahr später abholen“, sagt Irina Sarpowa, die Stationsärztin für Schwangerschaftspathologie in der Entbindungsanstalt Nr. 4. „Sie kann in der Zwischenzeit versuchen, mit ihren Schwierigkeiten fertig zu werden. Leider ist es noch nie vorgekommen, dass ein Kind nach Ablauf der Frist von seiner Mutter abgeholt wurde. Seit kurzem kommt es sogar vor, dass Frauen aus sozial geordneten Verhältnissen ihr Neugeborenes nicht nach Hause mitnehmen wollen. Hauptsächlich sind es aber Frauen, die wegen ständig wechselnder Sexualpartnern zu gesundheitlichen und sozialen Risikogruppen zählen. Manchmal haben wir es auch mit schwangeren Mädchen aus Kinderheimen zu tun. Es fehlt ihnen an einem sozialen Umfeld, in dem sie ihr Kind großziehen könnten. So lassen sie einfach ihre Erstlinge dort, wo sie einst selbst von ihren Müttern gelassen wurden.“

Welche Zukunft erwartet diese Kinder? „Als Alternativen kommen eine Adoption, Betreuungserziehung, die Vormundschaft oder die Aufnahme in ein Kinderheim in Frage. Angaben über abgegebene Kinder werden in einer Adoptions-Datenbank abgespeichert. Doch leider können nur wenige Kinder zu einer Adoption vermittelt werden. Obwohl Ausländer gern unsere Kinder adoptieren, steht dem oft ein langwieriges und aufwendiges juristisches Verfahren im Wege. Außerdem kann das Problem verlassener Kinder nicht durch das Verfahren der Adoptionen gelöst werden. Auch nicht, wenn die neuen Eltern in wohlgeordneten Verhältnissen leben.“

Zur Information: das russische Gesetz lässt eine Schwangerschaftsunterbrechung zu, wenn der Embryo nicht älter als 12 Wochen ist. Ist diese Frist überschritten, so ist eine von einer speziellen Ärztekommission ausgestellte Genehmigung erforderlich. Auch wird eine Schwangerschaftsunterbrechung bei gesundheitlichen Indikationen gestattet, so z.B. wenn die Mutter an AIDS, Syphilis, Tuberkulose oder Herzinsuffizienz erkrankt ist oder ihr Überleben durch die Schwangerschaft gefährdet wird oder aber wenn ärztlicherseits eine irreparable Fehlentwicklung des Embryos festgestellt wurde.

Mütter, die drei oder mehr Kinder haben, dürfen ihre Schwangerschaft aus sozialen Gründen abbrechen. Praktisch ist es so, dass man jeder Frau, die sich an die Ärztekommission wendet, entgegenkommt. Die dabei anfallenden Kosten müssen nicht von der Betroffenen übernommen werden.




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Quelle:Russ. Zentralbank